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Beobachtungen zum lateinamerikanischen Musikmarkt in Deutschland

Beobachtungen zum lateinamerikanischen Musikmarkt in Deutschland

Zur 25. Ausgabe der „Latin Music News“

Liebe Freundinnen und Freunde lateinamerikanischer Musik,

„Latin Music News“, der Newsletter zu Neuerscheinungen mit lateinamerikanischer Musik in Deutschland, gibt es seit 2014 und die Kolumne erscheint alle zwei Monate innerhalb von latin-mag.com. Ich hoffe, dass Ihr viele musikalischen Entdeckungen dadurch machen konntet und die große Welt dieser Musik in ihren Facetten und geografischen Wurzeln einigermaßen widergespiegelt wird. Ich selbst rezensiere und schreibe Artikel zur Musik aus Südamerika seit Anfang der Neunziger Jahre. Über Lob, Kritik, Anmerkungen und Wünsche würde ich mich freuen.

So könnte man den Titel der Kolumne z. B. überdenken. „Latin Music“ bezieht sich ja weitestgehend auf spanisch- oder portugiesischsprachige Musik. Wäre da statt einem englischsprachigen Namen so etwas wie „Música Latina Neuigkeiten“ angebrachter? Auf dem amerikanischen Markt versteht man unter „Latin Music“ kommerzielle, meist spanischsprachige Popmusik in Form von Bachata, Latin Trap, Reggaeton; oft Hip Hop-verwandte Musik, die charttauglich ist. Als „lateinamerikanische Musik“ werden die traditionellen Stile wie Andenfolklore, Tango oder Son bezeichnet. Die „Latin Music News“ beziehen sich ja eher auf Veröffentlichungen dieser Art. Allerdings gibt es viel Musik, die derartige Kategorisierungen infrage stellt, angefangen vom Latin Jazz bis zu Mestizo, wo Latin-Elemente keine bestimmten Traditionen repräsentieren. Der Reggae ist ebenso lateinamerikanische Musik, wenngleich auch meist in Englisch gesungen. Es gibt Countrymusik mit mexikanischer Stilistik, Tango aus Finnland, Electro-Pop aus Argentinien. In meiner Kolumne habe ich bislang keine orthodoxen Grenzen gezogen, denn diese zu ziehen, fällt eh immer schwerer und was gestern noch Latin Pop war, könnte zudem morgen schon von den Fachleuten als reine lateinamerikanische Musik betrachtet werden.

Daniel Dinkel, Galileo Music

Aber bedarf es eigentlich solcher Begriffshuberei? Daniel Dinkel (Bild links), Gründer und Promoter des Labels Galileo Music, das viel lateinamerikanische Musik anbietet, meint dazu: „Für mich ist Latin Music eher ein breiter angelegter Begriff, der sowohl die traditionellen Stile wie Tango, Bossa, Son als auch eben Latin Pop einschließt. Es ist eher die Sprache und die Herkunft als die exakte Stilistik. Ich denke, dass man das in Deutschland auch so breit sieht, aber man kann dann innerhalb der Latin Musik zwischen Latin Pop und traditionellen Stilen unterscheiden.“

Andreas Fauser, Nuzzcom

Ebenso Andreas Fauser (Bild rechts), Promoter von Nuzzcom aus Frankfurt am Main, sagt: „Das mit ‚Latin Music‘ sollte man nicht so eng sehen. Generell habe ich so meine Probleme mit Begrifflichkeiten. Einerseits braucht man sie, um die Musik irgendwie kategorisieren zu können, anderseits sind sie ein Hindernis, gerade wegen der Schubladen. Das ist ja ein altbekanntes Problem mit ‚Weltmusik‘ (eher negativ belastet, Old School) und ‚World Pop‘ (klingt jünger, hipper). Als Promoter versuche ich diese Begriffe weitestgehend zu vermeiden, damit man mit seinem Produkt nicht schon von vorhinein auf dem ‚schlechten‘ Stapel der Journalisten landet. Und wenn, benutze ich Latin Music bzw. World Pop.“

Im Prinzip sehe ich das genauso. Ob nun zwischen der Hörerschaft von „Latin Music/ Latin Pop“ und der „lateinamerikanischen Musik“ auch ein altersmäßiger Unterschied besteht, ist zwar prinzipiell anzunehmen, aber auch hier sollte man vorsichtig mit Generalisierungen sein. Was meint Ihr? Gebt doch mal Eure Meinung dazu kund!

Mit der 25. Ausgabe von „Latin Music News“ ist es deshalb vielleicht mal an der Zeit, ein paar Reflektionen zum lateinamerikanischen Musikmarkt in Deutschland zu erstellen. Wenn man von einer Kategorie „Latin Pop“ überhaupt sprechen mag, so ist eindeutig zu erkennen, dass diese Variante, also z. B. die ganzen Reggaeton-Stars usw. den internationalen Markt beherrschen. Was vom Latin Pop in Deutschland ankommt und davon wieder eher mit Latin als mit Popmusik identifiziert wird, steht auf einem anderen Blatt. Und ein weiteres Blatt ist die Widerspiegelung diese Latin Pop in der Konzertszene. Daniel Dinkel ist da eher skeptisch: „Oft sind diese Künstler in ihrer Heimat große Stars und können im Ausland nur einen Bruchteil der Gagen erwirtschaften. Deshalb kommt meines Erachtens live nicht sonderlich viel hierher. Das sind dann eher die altbekannten Tango Bands und Indie-Rock Acts. Lateinamerikanische Musik auf deutschen Bühnen ist aber auch sehr abhängig von Veranstalter und Musikstil.“ Einen Daddy Yankee oder Luis Fonsi bei uns live zu sehen wird die Ausnahme sein, die x-ten Buena Vista Social Club-Varianten hingegen sind auf den Konzertbühnen keine Seltenheit.

Die Tendenz zur Kommerzialisierung in der lateinamerikanischen Musik ist z. B. beim brasilianischen Musiker Carlinhos Brown auf interessante Weise nachvollziehbar. Nachdem er sich von der reinen Samba-Reggae-Szene in den Neunzigern emanzipiert hatte und sich vielmehr als vielseitiger Songwriter zu erkennen gab, produzierte er in den letzten Jahren immer wieder zwischendurch sehr tanzbare Alben und Remixe, loggte sich in die WM-Song-Veröffentlichungen ein, wurde Jury-Mitglied bei „Voice Of Brazil“ und schrieb Songs für einen Hollywood-Animationsfilm. In Deutschland kann man ihn im Grunde nicht mehr erleben, in Europa wie auch die anderen großen Namen aus Brasilien höchstens auf gut gesponserten Festivals. In puncto brasilianischer Stars sind Länder wie die Schweiz (hier am ehesten das berühmte Montreux-Festival), Frankreich oder England besser bedient. Hierzu meint Daniel Dinkel: „Die brasilianische Musik hat heute bestimmt nicht mehr den Platz in der Medienlandschaft, der nötig wäre, um groß angelegte Tourneen zu stützen. Hinzu kommen Subventionsstreichungen, die für viele dieser Konzerte vonnöten sind. Und der Rückgang der CD-Verkäufe tut sicherlich sein Übriges.“

Carlinhos Brown

Carlinhos Brown; Foto: „Dia do Servidor Público“, Fotos GOVBA / CC BY 2.0, bearbeitet

Das zunehmende Alter von Stars wie Gilberto Gil, Caetano Veloso, Djavan oder von Jazzern wie Egberto Gismonti oder Airto Moreira, Wirtschaftskrisen der Herkunftsländer, sinkende Verkaufszahlen in Europa, der Wandel des musikalischen Geschmacks und vieles mehr dürften da eine Rolle spielen. Man muss sich aber auch bewusst sein, dass die Zeiten, wo Weltmusiker im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftraten und es viele weltmusikalisch spezialisierte Radiosendungen gab, schon lange vorbei zu sein scheinen. Würde man alte deutsche TV-Shows aus den Sechzigern oder Siebzigern wie den „Liederzirkus“ wieder zugänglich machen, dann würde man staunen, welche lateinamerikanischen Größen mal zu bester Sendezeit im deutschen Fernsehen auftraten: Ein Luiz Bonfa bei Caterina Valentes Fernseh-Show oder Los Paraquayos bei Freddy Quinn. Selbst Gil und Veloso waren mal im Gespräch, bei „Wetten dass…“ aufzutreten. In den Siebzigern gab es in Deutschland eine durchaus gewichtige Konzert- und Festivalszene, die lateinamerikanisch (und zugleich sehr politisch) geprägt war, aus der dann Begriffe wie Weltmusik erst entstanden. Namen wie Mercedes Sosa oder Inti Illimani spielten damals eine Rolle. In den Mainstream hat es, mal abgesehen von Lambada u. ä. lateinamerikanische Musik nie geschafft, inzwischen wird sie immer mehr zum Nischengeschmack, auch wenn sich Liebhaber von Tango- oder Son-Konzerten wie Bachata-Discos als eine beständige und sehr populäre Größe erweisen.

Caetano Veloso

Caetano Veloso; Foto: „Eu vi muitos cabelos brancos na fronte do artista o tempo não pára e no entanto ele nunca envelhece. Aquele que conhece o jogo, do fogo das coisas que são. É o sol, é a estrada, é o tempo, é o pé e é o chão.“, Lunna Campos / CC BY 2.0, bearbeitet

Gilberto Gil mit Gitarre

Gilberto Gil; Foto: „Gilberto Gil“, Joi Ito / CC BY 2.0, bearbeitet

Bei den neueren brasilianischen Musikern fehlt meist die Konstanz ihrer Präsenz auf dem deutschen Markt. Kaum Namen tauchen da mal auf, die für die musikalischen Geschichtsbücher taugen, Hamilton de Hollanda, Seu Jorge vielleicht. Dagegen waren die Tropicálistas wie Gil, Veloso oder Maria Bethânia eben mal Teil einer weltweiten Jugendbewegung und Ikonen einer Generation. Das war eine einmalige Situation, die diese Namen zu Legenden machte. Heute habe ich den Eindruck, dass der Durchlauf schneller wird, die Zahl der Namen, die kommen und gehen, zunimmt, die Zahl der Musiker, die sich etablieren und sich als wegweisend erweisen, dagegen eher abnimmt.

Hamilton de Holanda

Hamilton de Hollanda; Foto: „Abertura da exposição Guerra e Paz.“, Ministério da Cultura / CC BY 2.0, bearbeitet

Doch die lateinamerikanische Musik – und das wird bleiben – erfindet sich immer wieder neu. Seit einigen Jahren tauchen in Brasilien dezente Singer/Songwriter wie Amabis oder Tiganá Santana auf, die man so gar nicht unter dem Begriff Bossa Nova u. ä. einordnen mag und sollte. Die brasilianische Jazzszene experimentiert mit einer Suche nach afrikanischen Rhythmen, Dancefloor, Rock und schrägen Elektronikklängen bei Bands aus São Paulo wie das Nomade Orquestra oder Bixiga 70. Musiker wie der Argentinier Melingo zeigen, dass Individualität, musikalische Komplexität und Persönlichkeit die Musik seiner Heimat auch ohne Elektronik und Popelemente erneuern können. Am aufregendsten erscheint mir lateinamerikanische Musik, die wild experimentiert wie in der Tropicalszene. Auch die psychedelisch angehauchte Cumbia-Szene ist da ein gutes Beispiel, Bands wie Meridian Brothers, Xixa und Electronica-Bands wie Systema Solar zeigten in den letzten Jahren, was noch so alles geht. Und immer wieder taucht Musik fern jeder Tendenzen auf, die überzeugt, wie die der Schwestern Las Hermanas Caronni, die argentinische Musik, Klassik und vieles mehr mit Gesang, Cello und Klarinette verbinden. Zwei klassisch ausgebildete Musikerinnen mit einer Vorliebe für die Volksmusik ihres Landes.

Auffallend ist auch die Zunahme von Wiederveröffentlichungen von mehr oder minder Latin-Klassikern. Für manche ist das wie eine Neuentdeckung, für andere eine neue Würdigung, für Labels zudem ein günstiges Verkaufsangebot ohne große Produktionskosten, für Fans eine Erhaltung musikhistorischer Highlights und Bewahrung vor dem Vergessen. In allem davon dürfte ein bisschen Wahrheit liegen. Stark an Neuem interessiert, ohne die Tradition zu verleugnen und sich die Freiheiten stilistischen Wechselspiels gönnend, ist die kubanische Jazzszene. Hier nehmen die Talente und neuen Namen eher zu als ab. Meist sind es Pianisten wie der noch wenig bekannte Alfredo Rodriguez. Unverwüstlich und bei uns immerhin relativ erfolgreich sind Bands aus dem groben Bereich Mestizo, Cumbia-Rock-Ska-Rap und Ähnliches wie z. B. die argentinisch-kolumbianische Band Che Sudaka. Der Partyspaß steht hier zwar musikalisch im Mittelpunkt, inhaltlich haben sich solche Bands aber zum Medium für Globalisierungsgegner, Antirassisten und Menschen mit alternativer Lebenseinstellung entwickelt.

Che Sudaka

Che Sudaka; Foto: „Che Sudaka 2014“, Moi, Téméraire / CC BY-SA 4.0, bearbeitet

Eins kann man allerdings sagen, die lateinamerikanische Musikszene bedarf des Eintauchens in all ihre Gebiete. Immer wieder gibt es Überraschungen aus der Karibik, der neueren Reggaeszene, dem Crossover von Country und mexikanischer Musik, der Tangoszene, der brasilianischen Indieszene oder den in Europa lebenden lateinamerikanischen Musikern. Latin Music News wird auch weiterhin nach Highlights suchen und vermitteln, wie aufregend lateinamerikanische Musik in allen Varianten ist. In diesem Sinne: ¡Vamos!


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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