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Bestes Album der Bossa Nova: Stan Getz & João Gilberto – „Getz / Gilberto“

Bestes Album der Bossa Nova: Stan Getz & João Gilberto – „Getz / Gilberto“

Bossa Nova in ihrer besten und ursprünglichsten Form: Stan Getz, João Gilberto und Antônio Carlos Jobim mit ihrem Klassiker-Album „Getz / Gilberto“

„Getz / Gilberto“Stan Getz & João Gilberto – „Getz / Gilberto“

(featuring Antônio Carlos Jobim)
Verve / 1964
Brasilien, USA / Bossa Nova, Jazz

Wer kennt es nicht? Das berühmte „Girl From Ipanema“ stammt von diesem Bossa Nova-Klassiker-Album schlechthin. Das Stück gehört zu den meist interpretierten Songs aller Zeiten. Mindestens alle zwei Monate scheint es auch heute noch eine neue Aufnahme davon zu geben. Da muss man in der Popmusik lange nach Vergleichbarem suchen. Auf dem Album sind aber mit „Desafinado“, „Corcovado“ und „O Grande Amor“ gleich mehrere musikalische Denkmäler der Bossa Nova bzw. Jobims zu finden. Die Stücke sind dezent gehalten, der Gesang von João Gilberto zurückhaltend intim, der Rhythmus kaum hervorstechend, vielmehr leise im Hintergrund zischelnd, fast einem Rhythmusgerät gleich. Das Saxophon von Stan Getz klingt nach Barmusik mit der markanten Überblastechnik des Cool Jazz. Eigentlich passiert nichts Aufregendes, aber die Atmosphäre, irgendwo zwischen Jazz und Easy Listening, der elegante Swing und die wunderbaren Melodien machen das Zeitlose dieser Musik aus.

Die Musik von „Getz/ Gilberto“ gilt heute als der Inbegriff für Relaxen, Chillen am Strand und brasilianischer Musik überhaupt. Aber wie das immer so ist mit den Klischees, meist ist vieles an diesen Legenden doch anders als man glaubt. Die Bossa Nova-Welle zündete eigentlich erst in den USA, wo Jazzer wie Stan Getz diese brasilianische Musik für sich entdeckten. Fast etwas widerwillig ließen sich die brasilianischen Musiker überreden, in den USA zu produzieren, und nur, weil die brasilianischen Verleger kaum Interesse an Bossa Nova-Titeln hatten, meist um dann aber von amerikanischen Verlegern tantiemenmäßig wiederum über den Tisch gezogen zu werden. Und sinnigerweise wird diese äußerst gefühlvolle Musik ausgerechnet von zwei Persönlichkeiten gespielt, die als äußerst problematische Personen bekannt sind. João Gilberto gilt bis heute als eigenbrötlerisch und stur und füllt damit ab und zu die Klatschspalten der brasilianischen Zeitungen. Stan Getz war alkohol- und drogensüchtig, leicht reizbar und landete schon mal im Gefängnis. Aber man weiß ja, geniale künstlerische Leistungen wurden oft von recht schwierigen Personen aufgestellt. Des Weiteren waren Sambas, Boleros und Frevos zu dieser Zeit in Brasilien wesentlich populärer als Bossa Nova, denn das Volk wollte Lieder zum Mitsingen. Und schlussendlich war João Gilberto ziemlich sauer, als er erfuhr, dass für die „Girl from Ipanema“-Single der Produzent Creed Taylor seinen Gesang komplett geschnitten hatte, um das Stück auf das Drei-Minuten-Single-Format zu kürzen. Außerdem hat das Stück für einen Popularsong der damaligen Zeit einen verhältnismäßig langen Mittelteil, was ihn nicht unbedingt zum Hit prädestinierte. Auch würde man heute das Saxophon nicht so laut gegenüber dem Rest abmischen. Und erst mit dem englischen Gesang von Gilbertos Ehefrau Astrud konnte das Ipanema-Girl in den USA richtig vermarktet werden. Und ohne die Überredungskunst von Stan Getz‘ Ehefrau Monica wäre auch das nicht geschehen. Das brachte aber wiederum brasilianische Kritiker dazu, Astrud Gilbertos Stimme fürchterlich zu finden.

Tja, war denn überhaupt jemand glücklich mit dem Song und dem Album? Im Gegenteil: Die Leute mochten diesen neuen Sound. Das Album bekam sogar den ersten Grammy für einen Musiker außerhalb der USA und wurde zudem als Jazz-Album Platte des Jahres, was danach kaum noch mal passierte. 1967 adelte Frank Sinatra dann die Musik von Antônio Carlos Jobim mit einem Album mit Songs des Brasilianers, womit insbesondere das Ipanema-Girl zum allgemeinen Liedgut wurde, aber auch als Easy Listening empfunden wurde. Astrud Gilberto trennte sich von Ehemann João, machte eine eigene Karriere und wurde das große Vorbild für die coole Gesangsweise im Bossa bis heute. Die Musik aber dieses Albums ist unverwüstlich geworden und in seiner Art unerreicht.


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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