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Gilberto Gil – Alles wieder o. k.? (Konzertbericht)

Gilberto Gil – Alles wieder o. k.? (Konzertbericht)

Hans-Jürgen Lenhart traf Brasiliens Altstar bei seinem Konzert am 7.8.2019 im Karlsruher Tollhaus.

„Ok Ok Ok“ heißt Gilberto Gils erstes Studio-Album seit vier Jahren. Mit dem gleichnamigen Titelsong startete Brasiliens Altstar auch im Karlsruher Tollhaus das Abschlusskonzert der 25. Zeltival-Reihe. O. k. ist Gil vor allem wieder gesundheitlich. Ab 2016 musste er krankheitsbedingt zwei Jahre pausieren. Dass Gil sein Konzert von akustisch-ruhig nach lebhaft-tanzbar recht ökonomisch aufbaute, war daher nachvollziehbar, aber ebenso der Vorstellung des eher besinnlichen neuen Albums zu Beginn geschuldet. Die Wahl des Songs „Ok Ok Ok“ gleich zu Beginn war aber auch kein Zufall: Es ist das einzige politische Stück des Albums unter ansonsten meist Freunden gewidmeten Songs. Und damit sagt Gil, o. k., er habe verstanden, dass man auf ihn als politische Symbolfigur auf seinen Kommentar zu den gesellschaftlichen Veränderungen in Brasilien wartete.

Ab 2016 war Gil viermal im Krankenhaus und musste nach einem lebensgefährlichen Herz-Kreislauf-Ausfall zwei Jahre pausieren. Jetzt scheint der 77jährige wieder o. k. zu sein. Beim Titelsong von „Ok Ok Ok“ bejubelten die zahlreichen Brasilianer im Publikum jede Andeutung, wenn Gil von der vergifteten Atmosphäre der Kommunikation im Internet in seinem Lande sprach, die auch ihn mit Anfeindungen traf. Doch klang wiederum an, dass er kein Volksheld wie zu Zeiten des Tropicalismo mehr sein will, sondern sein privates Interesse ausleben möchte. Dazu gehören natürlich die Musik und seine Familie. Inzwischen verbindet er beides: Mit zwei Söhnen, einer Tochter und einer Enkelin stehen fünf Mitglieder der Familie Gil auf der Bühne.

Gilberto Gil – Konzertbericht

Gil ist Ende der 60er Jahre von der Militärdiktatur wegen seiner öffentlich präsentierten Lebensweise als „uneinschätzbarer Künstler“ (so Gil) bzw. als Tropicalist ins Exil gezwungen worden, trat aber über 30 Jahre später als Kulturminister Brasiliens selbst aufs politische Parkett. Inzwischen gibt es allerdings einen rechtsextremen brasilianischen Präsidenten namens Bolsonaro, der genau diese frühere Militärdiktatur wieder herbeisehnt und Kontakte zu den letzten Herrschenden dieser Zeit pflegt. Auch ist die verantwortungslose Umweltpolitik Bolsonaros das Gegenteil von dem, was der in Brasilien einst auch ökologisch engagierte Gil jemals vertreten hat. Da ist es kein Wunder, dass Gil während seiner Auszeit ständig zu Kommentaren zu Brasiliens politischer Entwicklung gedrängt wurde. In „Ok Ok Ok“ spricht er dazu klare Worte: Seit der Kaltstellung seiner politischen Freunde wie Ex-Präsident Lula „nagen die Ratten an der Macht“. In dieser Hinsicht ist es vielleicht sinnvoll, sich den ganzen Text dieses Stückes anzusehen.

Ok Ok Ok

Ich weiß schon, dass du meine Meinung hören willst,
ein klares Gespräch darüber, was ich dachte,
wie ich sie interpretiere, die abscheuliche Situation.
Armut, Wut, Geschrei, Enttäuschung,
harte Substantive, um sie herunterzuschlucken,
während die Ratten an der Macht nagen.
Einige schlagen vor, dass ich mit einem Aufschrei herauskomme,
andere, dass ich still bin und auf stumm schalte.

Und siehe, jemand fragt mich: „Verkörperung des Mythos.
Sei unser Held, löse alles.“

Ok Ok Ok Ok Ok Ok

Ok Ok Ok Ok Ok Ok

Ich weiß schon, dass du meine Meinung hören willst,
ein klares Gespräch darüber, was ich dachte,
wie ich sie interpretiere, die abscheuliche Situation.
Von den vielen, die mich ruhig bevorzugen,
sprechen nur wenige zu meinen Gunsten.
Die meisten halten sich an den wütenden Chor
derjenigen, die mich mit Hass und Schrecken verletzt haben.
Schon jetzt für diejenigen, die mich aktiver,
mehr in Solidarität mit dem Leiden der Armen haben wollen:
Ich hoffe, meine Seele ist edel…

Gilberto Gil – Konzertbericht

Hier deutet sich an, dass Brasiliens Gesellschaft genauso auseinandergefallen ist wie die unsere. Manche wünschen sich Gil zurück als Popstar, der politisch gegen die neue, alte Rechte aufbegehrt. Dafür war Gil aber vielleicht selbst als Minister zu sehr Teil fragwürdiger Interessenskonflikte. Andere überschütten ihn mit Hasskommentaren im Internet. Sein seit Jahren kritischstes Lied bezieht er aber nicht allein auf Brasilien:

„ „Ok Ok Ok“ zeigt, wie Politik funktioniert. Brasilien reflektiert den perversen Umgang mit Technik. Es gibt einen generellen Widerspruch zwischen dem Fortschritten in der Medizin, der Wissenschaft, Erkenntnistheorie dazu. Speziell das Internet gibt neue Freiheiten für das Individuum, doch sie werden oft für die Vergiftung der Kommunikation verbraucht. Immer mehr Leute sind miteinander verbunden, immer weniger Leute verstehen gleichzeitig die komplexen Strukturen, innerhalb derer gesellschaftliche Veränderungen stattfinden. Der Neo-Liberalismus ignoriert gleichzeitig, dass wir eine Gesellschaft des Austauschs sind. Amerika und Europa interpretieren die Anwesenheit fremder Menschen als eine Invasion, ignorieren dabei aber, dass sie täglich selbst von tausenden schädlichen Waren und Einflüssen überrannt werden. Warum also diese unglaubliche Angst? Es gibt ein Ungleichgewicht zwischen sozialen Bedürfnissen und sozialen Wünschen, Produktion und Kommerz. Der Kapitalismus ist eine selbstlaufende Maschine geworden, mehr Profit bringt nicht mehr Gesundheit oder Zufriedenheit und soziale Absicherung. Die Gesellschaft wird zur Kenntnis nehmen müssen, dass deshalb die Gewalt zunehmen wird. Brasilien ist jedoch ein Teil davon.“

Dass Gil in Deutschland überhaupt noch in Erscheinung tritt, ist inzwischen fast die Ausnahme. Große brasilianische Musikstars haben sich rar gemacht, generell kommen immer weniger Neuerscheinungen nach Deutschland. Gil erklärt sich das so:

„Das liegt vor allem daran, dass weltweit eine standardisierte Art von Musik zunimmt. Es gibt immer weniger Interesse der Popmusikindustrie gegenüber regionalen Entwicklungen, Kulturen und gewachsenen Traditionen. Alles muss nur noch global verwertbar sein. Die Unterschiede in der Musik gehen so verloren. Das ist auch Teil der Tendenzen, Andersartiges auszugrenzen.“

Gil dagegen zeigt, dass er regional und in den Traditionen verwurzelt ist. Auf „Ok Ok Ok“ gibt es jede Menge Samba Cançãos, einem Stil, aus dem sich der Bossa Nova entwickelt hat. Live erinnert Gil auch an die von ihm mit initiierte kulturelle Aufwertung der afrikanischen Wurzeln Brasiliens mit Liedern über die beiden schwarzen Karnevalsgruppen Ilê Aiyê und Olodum aus Bahia. 2012, zu seinem Konzert zum 70. Geburtstag, setzte er dagegen Rhythmusmaschinen zusammen mit Streichern ein. Deshalb kann er auch mit Fug und Recht sagen:

„Ich schaue vor und zurück und das habe ich schon immer getan. Das ist Tropicalismo.“

Dieser Tropicalismo, für den er bekannt wurde, war nicht nur ein Musikstil Anfang der 60er Jahre, sondern eine ästhetisch-politische Bewegung, die musikalisch gesehen brasilianische Musik, Rock, Avantgardemusik und dadaistische Texte miteinander verband, um etwas gegen die gängigen Klischees von Brasilien zu setzen. Doch was ist heute vom Tropicalismo übrig geblieben?

„Nun, der Begriff taucht zwar nicht mehr in der aktuellen Musikproduktion auf, aber das, was er möglich gemacht hat, diese spezielle Mischung später auch mit Reggae, der die Musik der Schwarzen in Südamerika miteinander verband, das alles ist noch vorhanden. Inzwischen kommt die Elektronik dazu. Aber die Haltung ist das Entscheidende. Politisch würde diese Bewegung heute nicht mehr funktionieren. Das Problem mit Brasilien ist größer. Präsident Bolsonaro ist Teil einer weltweiten Tendenz zum Rechtsextremismus, das gibt es in Australien, den USA, den Philippinen oder auch in Deutschland.“

Von 2003 bis 2008 war Gil der erste schwarze Kulturminister Brasiliens im Kabinett des geschassten Ex-Präsidenten Lula und konnte selbst Politik machen. Die Zeiten haben sich inzwischen enorm gewandelt und somit wurde Gils politisches Erbe auch infrage gestellt.

„Einige Ideen und Programme für die Zugänglichkeit der sozial Schwachen zu den neuen Technologien sowie höhere Sicherheitsstandards in den Slums in den großen Städten existieren aus meiner Zeit als Minister immer noch. Wie es mit Brasilien weitergeht, ist schwer zu beantworten. Da muss man die Komplexität der Situation berücksichtigen.“

Seine Zeit als Politiker hat Gil einmal als „Heavy Metal“ bezeichnet und ist froh, dass sie vorüber ist. Als Musiker zieht er sich zunehmend auf seine Familie und Freunde zurück.
Die meisten Songs auf „Ok Ok Ok“ sind Familienmitgliedern und brasilianischen Musikern wie João Donato oder dem Gitarristen Yamandú Costa gewidmet. Einer seiner wichtigsten Freunde fehlt dabei, der kürzlich erst nach Veröffentlichung des Albums starb: João Gilberto, dessen Gitarren- und Gesangsstil den Bossa Nova einst schlechthin definierte, der aber verarmt, von einer betrügerischen Ehefrau ausgebeutet und in Demenz starb. Für Gil ist …

„… João Gilberto eine Art Jogi für meine Entwicklung gewesen. Er hat sich aber nie um seine direkte Umwelt gekümmert, aber seine Umwelt hat sich von ihm alles genommen.“

Auf dem Album ist auch ein Lied über eine Ärztin dabei, die bei ihm eine Herzbiopsie durchführte. Doch laut Gil fand sie im Gewebe nur – „Liebe“.
Nach einem Drittel des Konzerts wechselte Gil zur E-Gitarre über und ging die schnelleren Titel an. Vieles wirkte zwar nicht mehr so druckvoll wie zu seinen besten Zeiten, aber Gils Qualitäten haben sich in den drei letzten Jahrzehnten eh hin zur Vielseitigkeit und weg vom reinen Hitproduzenten entwickelt. Zwischendurch durfte dann sogar noch seine Enkelin Maria mit einem Reggae ans Mikrofon. Das unweigerliche „Toda Menina Baihana“ ließ zum Schluss noch die letzten Muffel mittanzen, erinnerte aber auch daran, dass Konzerte mit brasilianischen Stars und ihrer einmaligen Stimmung seit der Jahrtausendwende leider immer mehr zur Rarität werden. Gut, dass es dann wenigstens lokal auch brasilianische Musiker gibt wie die begeisternde Karlsruher Vorgruppe Forró de KA.


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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