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Gilberto Gil – Der ewige Tropicálist

Gilberto Gil – Der ewige Tropicálist

Dass ein Dreadlocks schwingender Musiker, den man einst aus dem Land jagte, einmal Kulturminister eben dieses Staates werden würde, ist ein Zeichen für den steten Wandel, dem sich Brasilien in den letzten Jahrzehnten unterzog. Gilberto Gil ist der inzwischen international bekannteste Musiker Brasiliens. Seine Musik war revolutionär, sich auf die afrikanischen Wurzeln seiner Kultur besinnend und immer offen für außerbrasilianische Einflüsse. Er und sein Weggefährte Caetano Veloso sind für die Brasilien so etwas wie das Team Lennon / McCartney in der englischsprachigen Musikkultur der Sechziger. Von 2003 bis 2008 war Gil Kulturminister Brasiliens und damit erst der zweite schwarze Minister dort überhaupt. Danach setzte er seine Karriere bis heute fort. Zeit für einen Rückblick auf eine der größten Ikonen südamerikanischer Musik.

Preisverleihung an Gilberto Gil

Foto: „Gilberto Gil Photo: © Patrik Österberg / Polar Music Prize“, Polar Music Prize / CC BY 2.0, bearbeitet

Immer wieder entwickelte Gil einen anderen Sound mit einer neuen Instrumentierung für seine Tourneen, so dass viele seiner Hits ständig neu arrangiert erklingen. Wie kaum ein anderer Musiker spielt er mit den Musikstilen, seien es brasilianische, karibische, nordamerikanische, europäische oder afrikanische. Präsentiert er sich in einer Tournee Funk-orientiert oder mit Reggae, kann es bei der nächsten Tournee ein rein akustisches Konzert geben oder er entdeckt seine Wurzeln im Samba oder Forró. Ein anderes Mal sind es plötzlich Streicher und elektronische Rhythmusmaschinen wie bei einer seiner letzten Tourneen. Oder er tritt im Karneval von Bahia in einem Trio-Elétrico-Wagen auf oder… Diese ungeheure stilistische Vielfalt erklärt sich aus seinen Anfängen, dem Tropicálismo, einem Credo für den offenen Umgang mit Kulturen, das ihn bis heute prägt.

Gil war Mitbegründer der revolutionären Tropicália-Bewegung. Diese durchzog um 1968 in bis heute einmaliger Weise Musik, Film, Kunst, Literatur, Theater usw. Das Motto der Tropicálistas drückte ihr bekanntester Song aus: „È Proibido Proibir“ – „Es ist verboten zu verbieten“ – ein Graffiti aus den Pariser Studentenunruhen von 1968. Entsprechend experimentierfreudig war die Musik. Gil trat z. B. beim TV Record Festival 1967 mit der psychedelischen Rockgruppe Os Mutantes, einem Berimbao-Spieler aus Bahia und dem Orchester des Neue Musik-Komponisten Rogério Duprat auf, nannte seinen Sound „Som Universal“ und sorgte damit ähnlich wie Veloso mit Gedicht-Vorträgen und Plastik-Outfit für einen Eklat. Musikalische Experimente und Performance-Attitüden wurden vom Publikum als Verrat an der Tradition gesehen und ausgebuht. Auf dem ersten Album ließ sich der Farbige Gil demonstrativ in der Uniform der ausschließlich aus Weißen bestehenden brasilianischen Literatur-Akademie fotografieren. Gil, Veloso und andere Musiker der Bewegung nahmen an Protestmärschen gegen die damalige Militärjunta teil. Tropicália war eine freigeistige künstlerische Bewegung, die in einer Diktatur aber automatisch als systemkritisch aufgefasst werden musste. Die Tropicálistas wandten sich damals aber nicht nur gegen die rechte Militärdiktatur, sondern auch gegen die Kleingeistigkeit der dogmatischen Linken. Die Fernsehauftritte der Tropicálistas wurden immer surrealer oder provokativer und weckten bei der Junta den Eindruck, es mit Kunst-Anarchisten zu tun zu haben, die gefährlicher als die studentische Linke werden konnten. Für Gil und Veloso endete ihr Freigeist daher nach einiger Zeit mit Gefängnis und von 1969 bis 1972 mit Exil. Ihr vorrangiges Interesse blieb aber, einen eigenen brasilianischen Weg in der internationalen Popkultur zu finden.

Gilberto Gil mit Gitarre

Foto: „Gilberto Gil“, Joi Ito / CC BY 2.0, bearbeitet

Der Tropicálismo bezieht sich auf das anthrophagische Manifest des Poeten Oswald de Andrade aus dem Jahr 1928, der darin die Absorbierung internationaler Kultur in die brasilianische forderte, um diese zu bereichern, gleichzeitig in „kannibalistischer“ Art auch eine Gegenkultur zur dominanten und rassistischen Kultur Europas zu entwickeln. Dieser Ansatz stellte sich gegen die einseitig „tropische“ Sichtweise auf imperialistische Kultur wie auch gegen Definitionen einer exotischen Kultur im Sinne von Minderwertigkeit. Für Gil hieß dies nach seiner Rückkehr aus dem Exil im „imperialistischen“ England, immer wieder internationale Musikstile wie Rock, Reggae oder Funk im Sinne einer Neuschöpfung in seine brasilianische Musik zu integrieren, gleichzeitig aber afro-brasilianische Stile wie Baião, Afoxé oder Bossa Nova als die wertvollste musikalische Ressource Brasiliens zu nutzen und sie verstärkt als besondere Qualität seiner Heimat ins Bewusstsein zu rücken.

Die Teilnahme an einem Festival in Lagos / Nigeria, wo er Künstlern wie Stevie Wonder oder Fela Kuti begegnete, bewegte ihn, sich dann ab 1977 afrikanischer Musikkultur zuzuwenden. Dies traf gleichzeitig auf ein Erwachen schwarzen Selbstbewusstseins insbesondere in Gils Bundesstaat Bahia. Seine Besinnung auf die afrikanischen Wurzeln wurde dort von zahlreichen schwarzen Karnevalsgruppen aufgenommen und hat nicht nur in Bahia den Prozess der Re-Afrikanisierung unterstützt. So war er in den folgenden Jahren im Karneval Bahias oft Gast bei der Afoxé-Gruppe Filhos de Gandhi und integrierte im Album „Refavela“ die afrikanischen Musikstile Highlife und Ju-Ju in seine Hommage an die afrobrasilianische Kultur in Brasilien.

Konzert von Gilberto Gil

Foto: „Gilberto Gil“, Patrik Hamberg / CC BY 2.0, bearbeitet

Ende der achtziger Jahre wechselte Gilberto Gil für die brasilianischen Grünen als Kultursekretär von Salvador in die Politik, sorgte dabei mit für die Renovierung der Altstadt von Salvador de Bahia und engagierte sich auch bei vielen Umweltschutzgruppen. In den Neunzigern beginnt bei Gil ein Rückblick auf seine Einflüsse. Gils Alben widmen sich z. B. dem Baião-König Luiz Gonzaga oder der Reggae-Legende Bob Marley. Eine Ausnahme bildet das multikulturell angelegte Album „O Sol Do Oslo“, wo er mit dem skandinavischen Nu Jazzer Bugge Wesseltoft, Trilok Gurtu und der populärsten Repräsentantin der indigenen Musik Brasiliens, Marlui Miranda zusammen arbeitete.

2003 kehrte Gil in dem Land, das ihn einst ins Gefängnis warf, als Kulturminister im Kabinett des sozialistischen Ministerpräsidenten ‚Lula’ da Silva in die Politik zurück. Er stellte aber die Fortsetzung seiner musikalischen Karriere zur Bedingung. Die Erwartungen insbesondere der Musikszene an ihn waren hoch, doch Gils Amt war zu unbedeutend, der Etat zu klein, um die Rechte der brasilianischen Musiker entscheidend zu verbessern. Seine Amtszeit hinterließ ein zwiespältiges Resümee. Er sorgte dafür, dass Musik-Technologie und Musikerziehung auch vermehrt in den Favelas zur Verfügung gestellt wurden, um dort soziale Aktivitäten zu fördern. Er setzte sich auch für den kostenlosen Download brasilianischer Musik ein, damit diese mehr Verbreitung gegenüber dem Mainstream bekäme. Andererseits hatten viele Musiker von seiner Amtszeit mehr für die Sicherung ihrer Rechte erwartet. Auch warf man Gil zu große Nähe zu Mafia-Bossen vor und dass er sich zu sehr auf die Verbreitung brasilianischer Kultur im internationalen Rahmen verlegt hätte und für diese mehr repräsentativ als pragmatisch tätig sei. Als Gil merkte, dass er als Politiker seine musikalische Karriere zu sehr einschränken musste, trat er zurück, obwohl Lula seinen Rücktritt mehrfach ablehnte, denn dieser profitierte natürlich von Gils Popularität. Seit 2015 tourte Gil mal wieder mit seinem alten Freund Caetano Veloso, um 50 Jahre ihrer Freundschaft und Karriere zu feiern.

Gilberto Gil als Kulturminister Brasiliens

Foto: „Governador Jaques Wagner acompanha a saída dos Filhos de Gandhy no Pelourinho“, Fotos GOVBA / CC BY 2.0, bearbeitet

Hans-Jürgen Lenhart traf Gilberto Gil mehrere Male. Hier sind Auszüge eines Interviews, in dem sich Gil 2006 besonders zu seiner Ministerrolle äußerte.

Hans-Jürgen Lenhart: Du hast als Musiker alles erreicht. Warum wolltest du dann eigentlich noch Minister werden?

Gilberto Gil: Man hat mich darum gebeten und ich habe es akzeptiert. Es ist sozusagen mein Beitrag zum Gemeinwohl. Ich diente auch nicht der Wahlkampfwerbung, denn meine Berufung erfolgte damals erst nach Lulas Wahlsieg. Außerdem bin ich nicht in seiner Partei.

Hans-Jürgen Lenhart: Hast du als Minister Verbesserungen der Arbeitsbedingungen von Musikern, zum Beispiel im immer wieder kritisierten Bereich der Absicherung der Komponistenrechte erreichen können?

Gilberto Gil: Ich habe nur einen kleinen Etat, aber ich habe gefordert, bis zum Beginn der nächsten Wahlperiode in einem Jahr ein Prozent vom Inland-Sozialprodukt als Etat zu bekommen. Bis jetzt kann ich hauptsächlich nur die Kapazität meines Ministeriums anbieten, an musikalischen Fragen zu arbeiten. Es gibt inzwischen vier Kammern mit Diskussionsforen zu Themen der Gesetzgebung und Problemen der kulturellen Gattungen, zu denen einmal im Monat Vertreter der Regionen unseres Landes kommen. Es geht dabei um den Zusammenhang zwischen den Möglichkeiten des Staates und denen der Gemeinden und Unternehmen. Die Tantiemenfrage ist jedoch nicht staatlich geregelt. Wir arbeiten daran, einen Konsens in Brasilien zu erreichen, um eine Art zentrale Agentur einzurichten zu können, die die Angelegenheiten von Musikern wie Komponistenrechte und Copyrightfragen einheitlich regelt. Aber dazu müssen sich erst alle daran beteiligten gesellschaftlichen Institutionen einigen. Erst dann kann sich der Staat hier einmischen.

Hans-Jürgen Lenhart: Ist es denn ein Problem, Musik und Politik zu koordinieren?

Gilberto Gil: Ich habe in den drei Jahren meines politischen Amtes gerade mal drei Lieder komponiert. Beim Komponieren muss man sich vollkommen konzentrieren. Aber es ist in Ordnung, denn ich nutze Urlaube für Auftritte und das mag ich eigentlich noch lieber als das Komponieren.

Hans-Jürgen Lenhart: Du hast öfters Songs aus der Rockgeschichte auf brasilianische Art vereinnahmt. Wie gehst du dabei vor?

Gilberto Gil: Das geschieht ganz natürlich. Musikalisch, ästhetisch, spirituell bin ich von den lokalen Dingen, die mich umgeben, beeinflusst. Historisch haben sich bei uns europäische und afrikanische, süd- und nordamerikanische Elemente vermischt. Wenn ein Song brasilianisch klingen soll, dann kommen leichte dissonante Akkorde dazu und oft wird in einer ungewöhnlichen Stimmlage gesungen. Rhythmisch baut so ein Song, wenn er nach Bossa Nova klingt, meist auf dem 2/4-Takt des Samba-Canção mit der Betonung auf der Eins auf. Der Samba ist aber nichts anderes als die Zusammenkunft des Rhythmusgefühls der afrikanischen Sklaven mit Elementen der europäischen Marschmusik. Er zeigt also auch diese immerwährende brasilianische Mischung der Kulturen. Und wenn ich heute einen Samba anfange, dann kann der ziemlich jazzig im Mittelteil werden. Da setzt sich diese brasilianische Art fort. Diese Vermischung geht heute immer schneller. Im Informationszeitalter wachsen die Kulturen beständig zusammen. Als ich 64 wurde, war es für mich ganz natürlich, Paul McCartneys „When I’m 64“ zu spielen, obwohl er nicht aus meiner Pop-Kultur stammt. Ich habe ihn aber als Reggae arrangiert und ein paar Harmonien verändert. Wichtig ist, wie man einen solchen Song erfühlt. Dies repräsentiert aber nicht unbedingt unsere einzige Herangehensweise an diesen Song. Lieder, die ich spiele, sind einem ständigen Wandel unterzogen. Je nach Stimmung kann es drei, vier Versionen davon geben, die etwas Anderes darin betonen. Das geschieht ganz unangestrengt. Du kennst vielleicht die Fassung von John Lennons „Imagine“ auf meinem Live-Album „Eletracústico“, die die Stimmung des Liedes weitgehend erhält und auf die Gitarre überträgt. Inzwischen habe ich viel deutlicher eine Bossa Nova daraus gemacht, zu der ein Bandolim gespielt wird, die den Samba-Rhythmus stärker betont, dazu ein etwas nach Easy Listening klingendes Piano. Vorher hatte ich einige elektronische Klangfärbungen und ein Akkordeon drin. Und wenn ich zum Beispiel ein deutsches Lied höre, beginne ich umgehend es zu übersetzen, die geistige Verbindung mit meiner Kultur zu finden. Also der brasilianische Sound ist das Übersetzen.

Hans-Jürgen Lenhart: Auf welche Art vollzog sich dieses Übersetzen zur Zeit des Tropicálismo?

Gilberto Gil: Einer meiner ersten Hits war damals „Domingo No Parquet“, das Rógerio Duprat arrangierte. Er war ein Komponist elektronischer und kakophonischer Musik. Wir arbeiteten mit solchen Musikern zusammen, die innovativ arrangierten, weil uns beeindruckt hatte, wie die Beatles zum Beispiel klassische Elemente einbauten und wie ihr Produzent George Martin das Konzept der einfachen Beat-Combo durch seine Arrangements so ungeheuer erweiterte. Diese Begegnungen wirken bis heute und sind vielleicht ein Grund dafür, Songs immer wieder neu zu gestalten, sie stilistischen Wandlungen zu unterziehen.

Hans-Jürgen Lenhart: Dein erster großer Einfluss war die Bossa Nova. Wie erklärst du dir die Unmengen Bossa Nova-Reissues, die immer mehr den Markt überschwemmen?

Gilberto Gil: Für die heutige brasilianische Jugend ist Bossa Nova etwas Unbekanntes gewesen, demzufolge wirkte sie wie ein neuer Stil. Die natürliche Neugierde führt dann immer dazu, wissen zu wollen, was die Höhepunkte dieses Stiles waren. Außerdem glaube ich, dass Dinge immer schneller wieder entdeckt werden. Was erst vor zehn Jahren war, ist heute doch schon wert, dass man es wiederveröffentlicht.

Aktuelles Album:

Gilberto Gil & Caetano Veloso – „Dois Amigos, Um Século de Música: Multishow Live“ (Nonesuch Records / 2016)

Gilberto Gil & Caetano Veloso – „Dois Amigos, Um Século de Música: Multishow Live“


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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