• facebook
  • google
  • pinterest
  • twitter
  • rss
Interview mit der Jazz-Musikerin Tânia Maria – Powerfrau aus Brasilien

Interview mit der Jazz-Musikerin Tânia Maria – Powerfrau aus Brasilien

Man merkt es schnell im Gespräch mit ihr oder im Umgang mit dem Publikum. Tânia Maria ist nicht nur ein Energiebündel, sie ist auch energisch. Wohl ein Grund, dass sie fast die einzige Brasilianerin ist, die sich international als Instrumentalistin durchsetzen konnte. Sicherlich hängt es damit zusammen, dass sie für eine Jazzmusikerin in Konzerten eine explosive Dynamik und Spielfreude vermittelt, die man eher den großen brasilianischen Popstars zuordnet. Als Sängerin mit Jazzimprovisationen hatte sie in Brasilien auch wenige Chancen und musste so zwangsläufig eine internationale Karriere anstreben. Mit ihrer perkussiven Art des Jazzpianos, ihrem temporeichen Unisono-Spiel und ihrer Kommunikation mit den Perkussionisten spricht sie dasjenige Publikum an, denen akademischer Jazz nicht aufregend genug ist. Genau an der Grenze zwischen brasilianischer Musik und Jazz hat sie sich eine individuelle Nische geschaffen, in der sie fast alleine residiert.

Tânia Maria – Brasilianische Jazz-Musikerin

Foto: „Tania Maria“, Mauriciobotti / CC BY-SA 3.0, bearbeitet

Ihr Vater ermutigte sie bereits mit sieben Jahren Klavier zu studieren und nahm sie in seine Freizeit-Combo auf, wo sie Samba, Pop und Jazz kennenlernte. Es sollte die einzige Gruppe bleiben, in der sie je unter fremder Führung spielte. Mit 13 gründete sie ihr erstes eigenes Ensemble, das bald im Radio gespielt wurde. Als Heranwachsende ging sie jedoch zunächst eine bürgerliche Karriere ein, studierte zwei Jahre Jura und heiratete. Doch in der Mitte der 70er Jahre wollte sie wieder zur Musik: Sie zog zu einem weiteren Klavierstudium nach São Paulo und trat als Sängerin auf. 1971 kam es zu ihrer ersten Plattenveröffentlichung in Brasilien, doch hatte sie es schwer, sich in ihrer Heimat durchzusetzen. Sie blieb bei einem Konzert in Frankreich hängen und begann dort ihre internationale Karriere mit einigen Einspielungen. Nach einem Vertrag mit dem amerikanischen Concord-Label zog sie nach New York und konnte 1983 mit dem inzwischen wiederveröffentlichten Album „Come with me“ einen noch heute in Clubs gern gespielten Erfolg landen. Heute lebt sie wieder in Frankreich und ihr letztes Live-Album aus dem Blue Note-Club in New York zeigt sie auf einem ihrer musikalischen Höhepunkte.

Hans-Jürgen Lenhart: Du spielst auffallend oft unisono. Es ist eine Art Markenzeichen deines Klavierspiels. Wie hat sich das entwickelt?

Tânia Maria: Der brasilianische Akkordeonspieler Sivuca spielte gerne unisono. Ich hörte ihn mit 19. Ich glaube, ich habe das dann übernommen, weil ich so leichter Melodien aus dem Kopf ins Klavierspiel rüberbringe. Es gibt ja einige wie George Benson, die das machen, aber vielleicht bin ich die einzige Musikerin, die das so hervorhebt. Ich mache das vielleicht, weil ein ‘Boop-be-doo-boop-be-ooh-boo’ immer noch besser ist als wenn Politiker sagen: ‘Seht mir genau auf den Mund, was ich sage.’ Ich denke aber, je weniger einer daher redet, desto mehr macht er was.

Hans-Jürgen Lenhart: Du hast Brasilien vor 28 Jahren verlassen. Wie kam es dazu?

Tânia Maria: In Brasilien kommt man mit Jazz nicht sehr weit. Daher wollte ich die erste Gelegenheit beim Schopf packen, die sich mir bot, anerkannt zu werden und herauszufinden, ob das überhaupt Jazz war, was ich da spiele. 1974 gab ich ein Konzert in Frankreich und bin dann da hängen geblieben. In Brasilien spiele ich gar nicht mehr, ich spiele nur noch für meine Fans, aber in Brasilien gibt es eben keine.

Hans-Jürgen Lenhart: Charlie Byrd soll dir danach geholfen haben, bei Concord unter zu kommen. War das der Beginn deiner internationalen Karriere?

Tânia Maria: Die begann schon einige Jahre vorher in Frankreich. Ich spielte aber Anfang der 80er beim Perth Jazz-Festival in Australien. Byrd sah mich, nahm ein Demo mit mir auf und präsentierte es Carl Jefferson, dem Präsidenten von Concord USA. Wir vereinbarten ein Album, ‚Piquant’, welches den Golden Feather Award von Leonard Feather, dem bekannten Rezensenten, erhielt und so wurde ein weiteres Album produziert.

Hans-Jürgen Lenhart: Bekannte Frauen im Jazz treten meistens als Sängerinnen hervor. Was aber muss man deiner Meinung nach tun, um als Instrumentalistin Erfolg im Jazz zu haben?

Tânia Maria: Als ich anfing, hat es sich nicht für eine Frau geziemt, professionelle Pianistin zu sein. Schon Musikerin zu sein war kurz davor, für eine Nutte gehalten zu werden. Beide arbeiten eben nachts. Ich hatte außerdem keine Möglichkeit für Feedbacks durch andere Pianistinnen. Ich spielte immer nur mit Männern. Wenn man mich lobte, hieß es: Du spielst genauso toll wie ein Mann. Das regte mich fürchterlich auf. Als ich älter wurde, stand ich zunehmend über diesen Dingen und bemerkte, dass ich niemandem mehr etwas beweisen muss. Also letztlich braucht man viel Selbstbewusstsein. Außerdem gibt es ja viele Sängerinnen wie z. B. Sarah Vaughan, die wahrscheinlich nur gut waren, weil sie auch Klavier spielten. Es gibt also viele bekannte Jazzsängerinnen, die auch Instrumentalistinnen sind, das aber nur nicht so auffällt.

Hans-Jürgen Lenhart: Du hast ja auch Bezüge zu kubanischer Musik. War das irgendwann eine Erweiterung für dich über die brasilianischen Roots hinaus?

tania-maria-live-at-the-blue-noteTânia Maria: Was heißt eigentlich kubanisch? Bolero? Cha Cha Cha? Kuba und Puerto Rico streiten sich z. B. darum, ob Salsa aus ihrem Land kommt. Ich spiele ganz allgemein Latin Music. Aber ich spiele sie nicht, weil sie gerade hip ist, sondern weil ich alle Latin Stile seit meiner Kindheit gehört habe. Ich will kein Teil einer Bewegung sein, ich selbst bin eine Bewegung. Ich bin weder eine richtige Jazzmusikerin noch eine brasilianische Popsängerin. Ich bin jemand, bei dem die Leute sagen, das klingt wie Tânia Maria.

Empfehlenswerte Alben:

„Live At The Blue Note“ (Concord / 2002)
„Come With Me“ (Concord / 1982, 2003)

(Bild von Mauriciobotti)


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

Kommentieren

Werde Fan vom Latin-Mag!schliessen
oeffnen