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Interview mit Xixa – In die Cumbia gespuckt

Interview mit Xixa – In die Cumbia gespuckt

Chicha oder „Spuckebier“, so wird das in Peru verbreitete Maisbier genannt, weil es mit Speichel fermentiert wird. Wohl bekomm’s! In die traditionelle und aus Kolumbien importierte Cumbia Musik spuckten in den 1960er Jahren in Peru auch einige verrückte Musiker Elemente der Rockmusik hinein. Da spukten dann Psychedelic Rock, Instrumental Beat, Huayno , Boogaloo oder gar klassische Musik mitten in der Andenfolklore. Das Akkordeon wurde von der Fuzz- oder Wah Wah-Gitarre ersetzt, die Gruppen ergänzten sich mit Bass, Schlagzeug und wimmernden Moog Synthesizern. Bands wie Los Hijos del Sollos oder Diablos Rojos spielten reichlich obskure Sounds, die in den Tanzsälen dies ein Erfolg waren, international aber völlig unbeachtet blieben. Es war eine Art Cumbia für Arme. Der peruanische Mittelstand oder die Studenten verabscheuten solche Musik. Aber Chicha als peruanischer Ableger der Cumbia und damit ein nationaler Stil waren geboren.

Interview mit Xixa

Die Chicha-Rock-Band Xixa kommt dagegen aus einer ganz anderen Ecke, aus Tucson / Arizona. Aber sie hat einen starken Latin-Touch. Einige Mitglieder sind Latinos, Tucson liegt nah der mexikanischen Grenze. Hier pflegt man eine eigenwillige Mixtur aus allen möglichen Stilen. Zwei der Mitglieder von Xixa, Brian Lopez und Gabriel Sullivan spielen ebenso bei der Alternative / Desert Rock-Legende Giant Sand. Und hier beginnt eigentlich auch die Verbindung mit dem peruanischen Musikstil Chicha und Psychedelic Rock, mit der Xixa heute ein neues Kapitel in der Geschichte der Cumbia geöffnet hat. Die eh schon illustre Mixtur der Chicha- Musik wurde von Xixa auf ihrem Album „Bloodline“ von 2016 radikal mit Psychedelic und Desert Rock-Elementen und vielem mehr auf eine neue Ebene gehoben.

Hans-Jürgen Lenhart sprach mit Lopez und Sullivan dazu:

Brian Lopez, Xixa

Brian Lopez

Hans-Jürgen Lenhart: Chicha- und Cumbia-Musik ist seit einigen Jahren unglaublich im Kommen. Wie erklärt sich das?

Gabriel Sullivan: In den USA geht das schon seit fünf, sechs Jahren mit Cumbia rund. Ein wichtiger Moment war dabei die Veröffentlichung der Kompilationen „The Roots Of Chicha 1+2“ auf dem französischen Label Barbès Records durch Olivier Conan. Vor 10 bis 15 Jahren sammelte er bereits in Peru originale Chicha-Platten. Nun veröffentlichter unser Album in den USA und Frankreich und erfüllte uns damit einen Traum.

Brian Lopez: Chicha ist eine unglaubliche Mischung. Da haben wir das psychedelische Element, Folk und Tradition und vor allem klassisch trainierte Gitarristen, die mit den Fingern statt mit Plektrum spielen.

Hans-Jürgen Lenhart: Vieles erinnert an die Surf Music der 60er.

Gabriel Sullivan: Ja, das stimmt. Es war die Zeit der Twang-Gitarren, der Stratocaster. In Peru wurden damals noch Melodien auf Panflöten gespielt, aber die E-Gitarren und Farfisa Orgeln kamen dann dazu.

Hans-Jürgen Lenhart: Es ist eine etwas durchgeknallte Musik. Ist es das, was dem Mainstream oft fehlt?

Gabriel Sullivan: Chicha war eine Neuorientierung des Rock. Chicha zu spielen ist ein unmittelbarer Ausdruck, es kommt direkt vom Herzen, ist teilweise sogar spirituell. Das fehlt dem Mainstream oft.

Hans-Jürgen Lenhart: Ihr nanntet Euch zuerst “Chicha Dust“. Wie kam es zu dem Namenswechsel?

Gabriel Sullivan: Xixa nennen wir uns seit einem Jahr. Wir spielten vorher alles Mögliche. Als wir schon bei Giant Sand damit anfingen, alte Chicha-Klassiker zu spielen, kam das live unheimlich gut an. Dann begannen wir eigene Chicha-Stücke zu spielen. Letzten Sommer hatten wir zehn Songs zusammen und damit ein Konzept. Barbès Records wollte aber nicht, dass man uns in der traditionellen Chicha-Szene einordnete zu Gruppen wie Chicha Libre. Unsere Musik dehnte sich sehr Richtung Rock aus. Daher die Namensänderung.

Gabriel Sullivan, Xixa

Gabriel Sullivan

Brian Lopez: Connon sagte uns, ändert den Namen vorm ersten Album, danach geht’s nicht mehr.

Gabriel Sullivan: Dann kam das Artwork dazu und plötzlich stimmte alles.

Hans-Jürgen Lenhart: Psychedelic Rock ist das andere Element eurer Musik. Welche Einflüsse gibt es da für Euch?

Brian Lopez: Klassische Bands wie Pink Floyd, vor allem deren Konzept. Es gibt zwar heute viele psychedelische Bands, aber nicht mehr solche wie in der klassischen Zeit. Heute nehmen sich Bands ein Wah Wah-Pedal, eine Öl-Projektion, und das war’s. Eine Fuge von Johann Sebastian hat vielleicht mehr Psychedelisches als viele der neuen Bands. Psychedelische Elemente gibt es in vielen Musikarten, auch ohne diese typischen Instrumente. „Psychedelic“ ist heute eher Drone oder Noise. Du musst einen Song aber erst mal auf der akustischen Gitarre probieren, um zu wissen, ob er gut ist.

Hans-Jürgen Lenhart: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Iyad Moussa Ben Abderahmane von der Touareg-Rock-Band Tinariwen auf Eurem Album?

Gabriel Sullivan: Das geschah auf Festivals, wo wir beide mit Giant Sand spielten und Tinariwen dabei war. Man jammte ein bisschen zusammen, das war gegen Ende der Aufnahmen mit dem Xixa-Album. Wir wollten noch was Akustisches. Über den Manager kamen wir dann mit Iyad ins Gespräch. So kam es dazu, dass er mit uns ins Studio ging.

Hans-Jürgen Lenhart: Die Musikszene in Tucson bringt immer wieder ungewöhnliche Bands hervor. Was ist das Besondere an Tucson?

Gabriel Sullivan: Es gibt dort viele Musiker, es ist recht familiär, alle spielen untereinander bei den Bands anderer mit, unterstützen sich. Das gilt übrigens auch für die Künstler- und Literaturszene. Man kann sein Ding damit ganz gut hinkriegen.

Sänger von Xixa

Aktuelles Album:

„Come With Me“ (Glitterhouse, Barbés Records, Indigo / 2016)


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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