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Lateinamerikanische Musik im Jahr 2018 – Jahresrückblick

Lateinamerikanische Musik im Jahr 2018 – Jahresrückblick

„Ok Ok Ok“ heißt das neue Album von Gilberto Gil. Das sagt man bei uns eigentlich nur, wenn man Kritik eingesehen hat und dabei leicht verärgert ist. Mir sind, was Brasilien betrifft, dieses Jahr zum ersten Mal keine wirklich herausragenden Alben aufgefallen, was nicht unbedingt heißt, dass es dort keine gute Musik mehr gäbe. „Ok“ ist der aktuelle brasilianische Output derzeit aber nicht. Man vermisst vielleicht die großen Stars der Música Popular Brasileira, aber ausgerechnet einige davon haben sehr wohl 2018 neue Alben herausgebracht. Sie wurden nur in Deutschland überhaupt nicht promotet und insofern fällt auf, dass dies schon länger der Fall ist. Deswegen sei einmal der Jahresrückblick 2018 diesem Thema geschuldet.

Von den brasilianischen Altstars wie Gilberto Gil, Caetano Veloso, Djavan oder b, aber auch Jazzern wie Egberto Gismonti oder Airto Moreira hat man lange nichts mehr gehört. Ist ihre Zeit vorbei oder ist dies anders zu sehen? Sagen wir es mal so: Wenn etwas vorbei ist, dann sind es die Goldenen Zeiten der brasilianischen Musik in Deutschland. In den Neunzigern kamen genau diese Stars immer wieder zu uns. Es wurde über sie berichtet, sie traten auf Festivals auf. Der Nimbus, den sie schon lange hatten, strahlte nach Deutschland aus. An ihrem Stellenwert hat sich in Brasilien gewiss nichts geändert, aber international treten diese Musiker teils weniger in Erscheinung.

Dies hat verschiedene Gründe. Es sind Stars der Weltmusik und die Bedeutung von Weltmusik ist auf dem Musikmarkt zurückgegangen. Das wirkt sich auf die Albumverkäufe generell aus und auf die Investitionsbereitschaft für den internationalen Markt. Deutschland ist diesbezüglich zudem noch unbedeutender als Frankreich oder England. Man kann beobachten, dass die brasilianischen Altstars vom deutschen Musikmarkt kaum noch etwas erwarten, zu keinen Konzerte mehr kommen und so, bedeutend weniger Aufmerksamkeit bekommen. Lateinamerikanische Musik, auch brasilianische Musik hat inzwischen andere Namen, zumindest was der Presse hier angeboten wird.

Doch wie sieht es bei diesen Stars konkret in ihrem musikalischen Schaffen überhaupt aus? Im Jahresrückblick sei deshalb mal ein Blick auf einige der Ikonen brasilianischer Musik geworfen. Gilberto Gil und Caetano Veloso haben ihren 70. Geburtstag hinter sich und feierten sich in letzter Zeit mit gemeinsamen Alben oder Live-Alben mit meist jüngeren Gästen gerne mal selbst ab. Retrospektive in Variationen könnte man dazu sagen. Die musikalische Reduzierung aufs Einfache, sprich, die akustische Gitarre, ist dabei recht auffällig. Beginnen wir mit Caetano Veloso:

Caetano Veloso (mit Moreno, Zeca & Tom Veloso) – „Ofertório (Ao Vivo)“

Caetano Veloso – Ofertório (Ao Vivo)“Universal Music
Brasilien / MPB

Sein letztes Album hat er mit seinen drei Söhnen eingespielt. Um es kurz zu sagen, es ist recht retrospektiv, hat viele Titel, wirkt beim gemeinsamen Gesang aller Vier ziemlich nach Hausmusik und bietet wahrlich nichts erwähnenswert Neues. Da ruht die Hoffnung schon eher auf seinen Freund Gilberto Gil, der immerhin ein Studioalbum mit ausschließlich neuen Titeln eingespielt hat.

Gilberto Gil – „Ok Ok Ok“

Gilberto Gil – „Ok Ok Ok“Geléia Geral, mc galileo
Brasilien / MPB

Das Album ziert ein pastellfarbenes Cover mit einem grob gemalten Porträt von Gil. Dementsprechend ist es ein leises, dezent gehaltenes Album. Im Unterschied zu Velosos Album sind hier immerhin Bläser und E-Gitarre dabei, es herrscht aber ein weitgehend gemütliches Tempo vor und es ist kaum was zum Tanzen zu hören. Auch die Melodien kommen nicht an seine besten Momente heran. Gil hat schon oft Stücke in dieser Art geschrieben, wie sie hier zu hören sind. Meistens gehören sie aber zu den heute eher vergessenen Songs. Und zweitens hatten seine Stücke Ende der 70er Jahre bedeutend mehr Schwung. Hier plätschert alles gemütlich vor sich hin. Dezente Begleitung mit gestopfter Trompete und Querflöte für den gemütlichen Tagesausklang. Dennoch blitzt hier manches auf, was ihn unverwechselbar macht. Am interessantesten klingt Gil jedoch, wenn es wie bei „Ouço“ rockig wird. Das erinnert gar an Velosos Album „cê“, das nun auch schon wieder zwölf Jahre her ist und einen für Veloso ungewöhnlichen E-Gitarrensound präsentierte. Da geht Gil neue Wege ein, leider zu kurz. Erst am Ende des Albums haucht er diesem mit Reggae etwas Leben ein. Aber auch die Gäste Yamandu Costa, der brasilianische Wahnsinns-Gitarrist, Sängerin Roberta Sá und MPB-Legende João Donato beleben das Album. Insgesamt hält Gil sein Niveau fernab jeder Moden (was gut ist), ist aber von einem Meilenstein weit entfernt.

Djavan – „Vesuvio“

Djavan – „Vesuvio“Sony
Brasilien / MPB

Auch von Djavan gibt es ein neues Werk. Seit seinen großen Erfolgen in den 80ern / 90ern hat er regelmäßig Alben eingespielt, von denen keines wirklich schlecht war. 1987 kam ihm die Ehre zuteil, dass Manhattan Transfer ein Album mit seinen Songs aufnahm, was ihn in den USA recht bekannt machte. Unter den Djavan-Titeln der letzten 20 Jahre war allerdings keiner mehr groß dabei, der zur Art dieser Band gepasst hätte. Zu oft lieferte Djavan nur die gleiche Machart, waren die Stücke mehrheitlich zu balladesk und zu wenig funky oder swingend, was eben seine besten Lieder wie z. B. „Stephen’s Kingdom“ auszeichnete. Auf „Vesuvio“ sind jetzt wenigstens ein paar Titel drauf, die ähnlich gut funktionieren, und zwar solche, die immer ein bisschen den zeitlosen Jazzpop-Stücken von Steely Dan nahestehen.

Edson Cordeiro – „Bem Na Foto“

Edson Cordeiro – „Bem Na Foto“Selbstverlag
Brasilien / MPB

Auch Edson Cordeiro gibt es noch. In den 90ern wurde er als das Stimmwunderkind mit einem Oktavumfang berühmter Opernsängerinnen gerühmt. Waren seine ersten Alben noch verblüffend, durchgeknallt und ein faszinierender, wilder Stilmix mit dem Bindemittel seiner tollen Arienstimme, wurde es später ruhig um ihn. Ab und zu tauchte er stilistisch weniger gemixt mit Alben zwischen der Hommage an Operndiven und Disco wieder auf – Reminiszenzen an die Schwulenszene. Inzwischen lebt er seit längerem in Deutschland. Sein neues Album ist ein unpassender Mix aus rockig-poppigen Titeln, die wirken, als wären sie in den Siebzigern aufgenommen, und brasilianischen Balladen, die recht gelungen sind und ihn ohne auffällige „Stimmwunder-Attitüde“ zeigen. Aus einem Guss waren seine Produktionen nie, aber vom Niveau seiner ersten drei Alben ist er nach wie vor weit entfernt und bräuchte mal jemanden, der ihn – vielleicht sogar mit ein paar guten Cover-Versionen oder seinem früheren Rock/Klassik-Mix – zu alter Größe führt.

 

Man hat also ein wenig den Eindruck, dass von jenen großen Figuren der brasilianischen Musik, die insbesondere in den 90ern und auch später noch große Aufmerksamkeit auf die brasilianische Musik lenkten, derzeit keine entscheidenden Impulse mehr ausgehen. Die Zeit, dass diese Musiker bei uns mal live zu sehen sind, dürfte mit Ausnahme gut gesponserter europäischer Festivals vorbei sein. Sie haben ihr Publikum daheim und es nicht mehr nötig in weltweite Promotion groß zu investieren. Deshalb kommen sie auch kaum noch automatisch in die Belieferung von Journalisten. Trotzdem sind sie (die Liste ist natürlich unvollständig) nicht vergessen, was allein diese Rezensionen schon belegen sollen. Brasilien, das auch derzeit unter einer fürchterlichen Wirtschaftskrise und einer neuen autoritären Staatsführung leidet, hat 2018 pauschal gesehen im musikalischen Output nicht wirklich überzeugen können. Schauen wir daher, welche Highlights es woanders gab. Interessant dabei: Viele gute Latin Music-Produktionen kommen aus den USA, die sich derzeit politisch ja eher Latino-feindlich geben.

Mariachi Reyna de Los Angeles

Smithsonian Folkways Recordings, galileo-mc
USA / Mariachi

Dieses rein weibliche Mariachi-Orchester ist einfach perfekt und macht richtig Lust auf diese Musik. Wann sieht man so was mal hierzulande?

Groundation – „The Next Generation“

Groundation – „The Next Generation“Baco Records, Broken Silence
USA / Jazz und Reggae

Die amerikanische Reggae-Jazz-Band hat nicht nur ein überzeugendes Konzept, sondern auch die richtigen Vibes, die einen packen. Weiterhin Spitze.

Orquesta Akokán – „Orquesta Akokán“

Orquesta Akokán – „Orquesta Akokán“Daptone Records, Good 2 go, Groove Attack
Kuba / Mambo u. a.

Im Überangebot der Gruppen mit kubanischer Musik Überraschungssieger und seltsamerweise bei einem eher auf Retro-Soul und Funk spezialisierten New Yorker Label gelandet. Heißes Ding.

Klazz Brothers & Cuba Percussion – „Christmas Meets Cuba 2“

Klazz Brothers & Cuba Percussion – „Christmas Meets Cuba 2“Sony Classical (Sony Music)
Deutschland, Kuba / Weihnachten, Jazz, Latin, Klassik

Immer wieder fasziniert die Dresdner Gruppe mit ihren Latin-Jazz-Klassik-Versionen und bleibt selbst bei den schon ach so oft interpretierten Weihnachtsliedern und Christmas-Hits ideenreich.

Anthony Joseph – „People Of The Sun“

Anthony Joseph – „People Of The Sun“Heavenly Sweetness, Broken Silence
Trinidad & Tobago / Crossover-Funk

Etliche Musiker einiger karibischer Inseln meldeten sich 2018 mit durchaus anspruchsvollen Werken zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte; Alben, die vor allem musikalisch Stilgrenzen überschritten. Da gibt es vielleicht auch weiterhin noch viel Neues zu entdecken. Joseph produzierte hier ein beachtenswertes Album zwischen Steeldrums, Jazz, Funk und Spoken Word.


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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