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Latin Music News #13 – Die neuesten Alben aus Lateinamerika

Die 13. Ausgabe der Latin Music News kann mit neuen Musik-Alben unter anderem aus den speziellen Genres Progressive Tango, Punkjazz, Body Percussion und Electronica aufwarten.

Melingo – „Anda“

Melingo – „Anda“World Village, harmonia mundi
Argentinien / Progressive Tango

Daniel Melingo gilt zu Recht als der große Magier im Tango, der ihm eine neue Wendung gegeben hat. Überraschend dabei ist, dass dies hauptsächlich mit akustischen Mitteln geschieht, also völlig ohne elektronischen Schnickschnack. Melingo klingt über weite Strecken nicht mal so sehr nach Tango, denn da steckt viel mehr drin: Filmmusik, Chanson, Klassik, Jazz vergangener Tage, ein paar Klänge Rockmusik, ja sogar Avantgarde. Dennoch spürt man immer den Tango, seine Emotionalität, die gebrochenen Charaktere, denen Melingo selbst ähnlich sieht. Melingos Musik wirkt am ehesten wie eine Neufassung der ursprünglichen Idee von Tango. Er verbreitet die Atmosphäre des Unerwarteten, wo sich Tradition zu Neuem formt und Tango nicht nur zitiert wird. Melingo ist was für Hörer, die Paolo Conte, Tom Waits und Nick Cave im Regal stehen haben, ein Individualist, der sich vom Start weg von modischen Strömungen unabhängig gemacht hat. Einen großen Einfluss auf seinen Stil mag der Umstand gehabt haben, dass er in den Neunzigern in Spanien eine Fernsehshow moderierte, in der Rockmusiker Tangos interpretierten. Auch Melingo war Rockmusiker, aber ebenso Klarinettist und Saxophonist und geht heute weit über das Konzept seiner TV-Show hinaus.

Zu Beginn von „Anda“ ist er dem Tango sehr nah, doch die Instrumentierung ist mit Slides auf der E-Gitarre und einigen O-Tönen seiner Vorbilder schon nicht ganz alltäglich. Dann wandelt sich das Album allmählich in eine Mischung aus schwofenden Klängen wie aus einem Fellini-Film und Fetzen von Krimimusik. Der Aufbau von „Volando Entre Las Nubes“, eines von etlichen Instrumentalstücken, ist dann der Höhepunkte des Albums und schlicht als genial zu bezeichnen. Basierend auf einem fast schon nervigen monotonen Rhythmus, erzeugt durch einen hellen Saitenakkord und einem rhythmischen Pfeifen, ändert das Stück beständig seine Klangfarbe. Bläser erscheinen am Horizont und könnten aus Jamaika vorbeigeschaut haben. Dann eine Twang-Gitarre, eine Maultrommel, gestopfte Trompeten. Sie verschwinden wie sie gekommen sind und kehren wieder zurück, verirren sich im Klangraum. Schon einmal hat Melingo so einen psychedelischen Tango entworfen, falls es so etwas überhaupt gibt. Danach wiederum wähnt man sich in einem Chaplin-Film. Dessen humoriges „Titine“ scheint sich hier mit Kaffeehausmusik zu verbinden. Ein Männerchor steigt ein und man wähnt sich in einer Revueshow der Vierziger. Dann ein Stück von Serge Gainsbourg. Der durfte in diesem Namedropping natürlich nicht fehlen. Der Song wirkt aber eher wie ein tango-durchwachsenes Stück aus „Twin Peaks“. Und schließlich überrascht Melingo mit einem vom Sirtaki getränkten Duft aus Griechenland. Immer mehr nimmt diese unverbrauchte Musik gefangen und natürlich brilliert hier auch seine fantastische Band. Die Klänge sind bedächtig, aber herzergreifend und bisweilen mystisch. Melingo bringt einen tatsächlich dazu, mit einer sehr reduzierten Musik, die aber voller ungewöhnlicher, sphärischer Arrangements ist, den Tango neu zu verstehen.

Metá Metá – „MM3“

Metá Metá – „MM3“Jazzvillage, PIAS
Brasilien / Punkjazz

In der letzten Zeit schwemmt es zunehmend junge, brasilianische Jazzgruppen auf den internationalen Markt. Jedoch ist das Zielpublikum weniger das eigentliche Jazzpublikum, sondern neugierige Hörer, die akzeptieren können, dass das wilde, teilweise ambivalente Kombinieren von Stilen wie die Verbindung von Jazz, musikalischen Moden und Traditionen anderer Kontinente ein neues, noch ungenutztes Experimentierfeld ist. Dies trifft auch auf Metá Metá aus Sao Paulo zu. Sie spielen brasilianischen Punkjazz mit afrikanischen Einflüssen, mal mystisch, mal wild. Interessanterweise gibt es dabei eine atmosphärische Nähe zu düsteren russischen Rockgruppen der Neunziger, was aber am ähnlichen experimentellen Ansatz liegen kann. Es ist eine eigenwillige Mischung von eher sanften Melodien und lyrischem Gesang der Sängerin Jucara Marcal, wie sie oft aus dem Bundesstaat Minas Gerais kommt, und dem nervösen, lärmigen Ausdruck des Rests der Band (Saxophon, Gitarre, Drums, Bass). Ihr langes Schlussstück „Obá Kosô“ ist dagegen eine intensive Psychedelic Rock-Nummer, man könnte sagen: Popol Vuh goes Punk Jazz. Auf jeden Fall bekommen die vielen Neo-Jazzer aus Brasilien so langsam Kontur. Inhaltlich versteht sich ihr Album als einen Aufschrei gegen die momentane politische Krise in Brasilien. Tatsächlich könnte man da derzeit auch nur schreien, denn hierzulande vermittelt sich der Eindruck, dass mit dem Präsidentenaustausch Rousseff/ Temer Regen und Traufe gegeneinander ausgetauscht wurden. Die musikalische Alternativkultur präsentiert sich dazu als Gegeninformation zur Macht der monopolisierten Medien.

Flavia Coelho – „Sonho Real“

Flavia Coelho – „Sonho Real“Le Label, PIAS
Brasilien / MPB, Reggae

Da ist sie wieder, die quirlige Flavia Coelho, von der man zuletzt sich gut mitreißen lassen konnte. Ihr neues Album versucht Eingängigkeit und Einfachheit miteinander zu verbinden. Etliche Refrains sind lautmalerisch und daher leicht zu merken. Außerdem singt sie sehr rhythmisch. Man hat das Gefühl, jede Silbe ist ein Beat. Im Vergleich zu ihren bisherigen Alben wirkt die Instrumentierung und Produktion, jedoch reduzierter. Gleichzeitig bieten die Songs zu wenig Aufregendes, um stärker zu beeindrucken. Entspannt und eingängig sind sie, mehr aber auch nicht. Wer sie von der Bühne her kennt, weiß, dass da mehr drin ist. Von der Power ihrer Konzerte ist sie weit entfernt und man könnte ihr eigentlich zu einem Live-Album raten. Hier mal ein Backgroundchor und dort einige Bläser, das hätte manchen Stücken gut getan. Sie ist wie immer recht reggaelastig, es sind aber auch Afrobeat-, Forro- oder Ska-Nummern drauf.

Agustín Lira & Alma – „Songs Of Struggle And Hope“

Agustín Lira & Alma – „Songs Of Struggle And Hope“Smithsonian Folkways Recordings
Chicano Protestsongs

Ja, es gibt sie noch, die Protestsongs mit der Wandergitarre und es existiert auch ein Label, das sich um den Erhalt von Liedern kümmert, die sich mit der sozialen Situation in den USA, insbesondere der Chicanos, der mexikanischen Einwanderer, beschäftigen. Agustín Lira betrieb in den Sechzigern die politische Theatergruppe Teatro Campesino. Seine Lieder aus dieser Zeit wie auch aktuelle Stücke präsentiert er hier mit seinem Trio Alma. Sie handeln von der Ausbeutung der Farmarbeiter und der Entfremdung als Immigrant. Lira war selbst Arbeiter auf kalifornischen Plantagen und ist eine zentrale Figur des Farmworker Movements, das als ein Teil des Civil Right Movements der Sechziger angesehen werden kann.

Mit derartigen Aufnahmen werden Lieder, die einen Teil amerikanischer Geschichte erzählen, vor dem Vergessen bewahrt. Wichtig dabei ist auch die Dokumentation dazu durch das umfangreiche Booklet. Hier wird deutlich, dass für Lira Theater und Musik eine Form der Bewältigung seines Zorns gegen Ungerechtigkeit war, der sonst in Gewalt umgeschlagen wäre. Gesungen wird in Spanisch und Englisch.

So viel zur Bedeutung des Albums. Musikalisch gesehen erwartet man bei diesem Hintergrund meist spröde Lagerfeuermusik für Uraltlinke. Tatsächlich sind vom melodischen Potential aber durchaus manche Songperlen dabei. Und genau hier hätte es diesen Stücken gut getan, sie mehr zu verfeinern, das Instrumentarium zu erweitern. Man denke da z. B. an das Konzept von Lila Downs oder Ry Cooder. Bei genauem Hinhören merkt man, dass die Texte zudem sehr belehrend und demagogisch sind. Ihnen geht meist jede Art von Spott oder Satire ab. Aber es sind nun mal auch Kampflieder zur Unterstützung von Streiks usw. aus einer bestimmten Zeit. Einerseits ist dies ein wichtiges Album der Kategorie Woody Guthrie & Co, andererseits könnte man mit derartigem Liedgut heute kunstvoller umgehen, ohne zu verfälschen, sondern vielmehr um die Songs mehr Interesse gewinnen zu lassen. Der vorwiegend dokumentarische Charakter solcher Aufnahmen bringt Protestsongs in eine Art Museum. Dort wirken sie nicht. Aber im Grunde haben derartige Lieder eine nie verloren gegangene Aktualität. Sie können zwar keinen Donald Trump verhindern, sie erinnern aber daran, was die Chicanos von Trump zu erwarten haben.

Orkesta Mendoza – „¡Vamos A Guarachar!“

Orkesta Mendoza – „¡Vamos A Guarachar!“Glitterbeat, Indigo
USA, Mexiko / Latin

Das Cover des Albums wirkt ein bisschen wie eine Galerie von Comicfiguren und auch die Musik hat etwas davon: Da erklingen Stimmen wie aus dem Jenseits, Geisterreiter reiten von einer Box in die andere und selbst die Balladen klingen mysteriös. Bandleader Sergio Mendoza kommt aus Tucson/ Arizona und ist auch Mitglied bei Calexico. Er lässt den Sound alter Mambos und Cumbias vermischt mit einem Schuss Country und den Klängen der Rockinstrumentals der Sechziger hier aufleben. Das Orkesta ist bei weitem aber keine Retroband, sondern es sind die Arrangements mit Lo Fi Electronic und einem Schuss Punk, die das Ganze alt und neu zugleich wirken lassen. Und vor allem macht diese Musik Spaß. Ihr „Mambo A La Rosano“ schmachtet erst mal so dahin, dann kommen die Ponys rein und es wird rasante Zirkusmusik draus. So bringt man den uralten Mambo ins Gedächtnis zurück. Die Einflüsse sind vielfältig. So hat „Contra La Marea“ viel von alten Swingtiteln. Lediglich der Gesang könnte etwas aggressiver daherkommen. Insgesamt aber ist alles so schön bunt hier…

Hareton Salvavanini – „S.P 73“

Hareton Salvavanini – „S.P 73“Mr. Bongo / Re-Issue 1973
Brasilien / MPB

In letzter Zeit tauchten einige obskure Alben hierzulande gänzlich unbekannter Musiker aus Brasilien als Wiederveröffentlichung auf, die aus den frühen siebziger Jahren stammen. Es dürften Liebhaberprojekte einzelner Labels sein, denn sie entsprechen keineswegs den heutigen Klangmoden, sind aber manchmal interessant, verblüffend oder eben ganz anders, als was man aus der Ecke gewohnt ist. Herausgegriffen sei hier der brasilianische Sänger und Komponist Hareton Salvavanini. Er präsentiert eine anspruchsvolle wie obskure Mischung aus impressionistischer Orchestermusik, Bigbandjazz und Gesangsnummern. Langgezogene Streicherklänge wie für einen Unterwasserfilm treffen auf zutiefst traurigen Klagegesang oder flüsterndem Vortrag. Doch dann drängen sich plötzlich stechende Trompetenstöße und dramatische Cluster dazwischen und am Ende kommt ein fast weihnachtlich klingendes Finale. Eine merkwürdige Musik, aber auch ein Zeitdokument aus einer Zeit, als in Brasilien noch experimentiert werden durfte, wie hier insbesondere mit Harmonien und Kontrasten. Das Album ist nicht unbedingt ein Einzelfall. Die frühesten Veröffentlichungen von Egberto Gismonti und Milton Nascimento haben vergleichbare Arrangements insbesondere in den Gesangsnummern und Gil und Veloso setzten in ihrer Tropicalia-Zeit avantgardistische Arrangeure mit deren Orchestern ein, um einen unverwechselbaren Sound zu erschaffen, den niemand kopieren würde. Ein bisschen vielleicht doch, denn das Album stammt aus dem Jahr 1973, wo die tropicalistischen Experimente gewiss noch gut in Erinnerung waren. Entdeckt wurde das Album vom auf vergessene Perlen spezialisierten Mr. Bongo-Label. Der Filmmusiker starb 2006.

Pedro Santos – „Krishnanda“

Pedro Santos – „Krishnanda“CBS, Mr. Bongo / Re-Issue 1968
Brasilien / MPB

Auch das Album des Perkussionisten Pedro Santos, 1968 entstanden, zeigt experimentelle Ansätze und ist ein Versuch, afro-brasilianische Rhythmen und Gesänge mit Streichern und Instrumenten der Rockmusik zu popularisieren. Hinzu kommen Elemente der Filmmusik, z. B. von Abenteuerfilmen, Vulkanausbrüche inklusive. Aber auch ein wunderschönes Exotica-Stück („Savana“) mit schreienden Urwaldtieren ist zu hören. Manchmal wird auf Gitarrensaiten getrommelt, während Glissandi erzeugt werden, was wie ein früher Sequenzer klingt. Ab und zu erklingen noch fröhliche Melodien, die der Andenfolklore ähneln. Ein bizarrer Mix, aber durchaus typisch für die wilde Probierfreude in der Tropicália-Zeit. Pedro dos Santos erfand übrigens auch Instrumente wie die elektrische Bambusflöte Tamba und die Berimbau Mundflöte. Deutlich seinen Stempel aufgedrückt hat dem Album Produzent Hélcio Milito, einer der legendärsten Trommler Brasiliens und Mitglied des Tamba Trios, von dem es ein ähnliches Werk gibt.

Eloah – „Os Orixás“

Eloah – „Os Orixás“Som Livre, Mr. Bongo / Re-Issue 1978
Brasilien / MPB

Auch das Album der Sängerin Eloah basiert auf afro-brasilianischen Rhythmen und Gesängen. Eloah war eine beseelte Sängerin. Mit dem intensiven Backgroundchor und jeder Menge Perkussion fühlt man sich in ein Macumba-Ritual versetzt. Aber man hört auch Bläser und elektrifizierte Instrumente. Die Musik ist nicht unähnlich den Aufnahmen von Gilberto Gil in seiner afrikanischen Phase aus der gleichen Zeit um 1978 und hat den Test of Time weitgehend bestanden. Die Songs schrieben Luis Berimbau, ein einflussreicher Multiinstrumentalist, Texter und Komponist aus Bahia und sein Kollege Ildásio Tavares.

Barbatuques – „Ayú“

Barbatuques – „Ayú“Mr. Bongo
Brasilien / Body Percussion

Rhythmusmaschinen und Keyboards kosten Strom, deren Klänge gehen aber auch akustisch herzustellen. Die fantastische brasilianische Body-Percussion-Gruppe Barbatuques zeigt, wie es geht. Die Mitglieder trommeln auf ihren Körpern, den Mund, auf den Backen. Sie stampfen mit den Füßen, klopfen sich beim Singen auf Kehle und Brust, pfeifen sich was oder vokalisieren frei. Manches erinnert an die Chorprojekte von Bobby McFerrin, aber auch die rhythmischen Sprechchöre bei Nana Vasconcelos. Im Satzgesang wirkt die Gruppe diesmal stärker als auf den Vorgängeralben. Es ist ein Orchester männlicher und weiblicher Stimmen, die in gutem Kontrast zueinander stehen. Manche monoton gesungenen Töne simulieren elektronische Sounds. Einerseits fasziniert so eine Performance, andererseits haben Perkussionsgruppen meist das Manko, wie eine Ansammlung von Rhythmusspuren zu klingen, was auf Dauer anstrengend wirken kann. Glücklicherweise sind hier auch melodiebetonte Stücke dabei. Die einzigen Instrumente, die zusätzlich auftauchen, sind eine Maultrommel und eine Flöte. Die Musik beinhaltet viele brasilianische und afrikanische Rhythmen. Barbatuques zählt weltweit zu den Top-Ensembles in diesem Genre und das kann man auf “Ayú“ gut nachvollziehen.

Faela – „Por El Mundo“

Faela – „Por El Mundo“Flowfish Records, Broken Silence
Schweden / Balkan Latin

Beim Cover von Faelas Album und dessen Rückseite denkt man eher an Folkmusic und wenn man die Band hört, glaubt man auch schwer, dass sie im schwedischen Malmö ansässig sind. Hier kommt aber einiges zusammen, was man woanders verortet: Gesungen wird in Spanisch, Latinstile wie Salsa, Rumba oder Cumbia klingen an, aber auch Reggae, Dub, Swing und nicht zuletzt Balkan Beats und gar ein Schuss Sirtaki machen den Sound aus. Eine typische Crossoverband also, aber angenehm wenig darauf erpicht, dem Mestizo-Genre zugeordnet zu werden. Im Grunde ist das einfach Latin Music mit ungewöhnlichen Zutaten. Und man merkt der Gruppe an, dass sie das Publikum zu erobern wissen, denn sie betrieben einst einen eigenen Zirkus zu ihrer Musik und hatten große Erfolge als Straßenmusiker. Man ist verführt zu sagen, so was kommt eben bei liberaler Einwanderungspolitik heraus, stammen die Mitglieder doch aus Argentinien, Bosnien, Chile und Schweden. Interessante Einflüsse und fetzige Musik also.

Joyce Moreno – „Cool“

Joyce Moreno – „Cool“Far Out Recordings
Brasilien / Brasil Jazz

Eigentlich wollte Brasiliens altbekannte Sängerin Joyce nie Jazzstandards aufnehmen, dann gefiel es ihr bei einem Soundcheck, Cole Porters Song „Love For Sale“ mit einem Afoxé-Groove zu spielen und sie ließ sich zu weiteren Versuchen überreden. Bekannte Stücke wie “‘Round Midnight”, “My Favorite Things” oder Evergreens wie “Day-O, The Banana Boat Song” und “Moon River” wurden von ihr mit neuen Harmonien versehen und mit spärlicher Besetzung – nur akustische Gitarre oder mit einem Klavier-Trio –verjazzt bzw. „brasilianisiert“. Dies vermittelt nicht unbedingt neue Erkenntnisse darüber, was in den Songs so stecken könnte, und ihre relativ hohe Stimme ist hierbei gewöhnungsbedürftig. Am überzeugendsten gerät das Album, wenn sie mehr Aufwand betreibt, so mit den Overdubs ihrer Stimme als Backgroundchor und einem abwechslungsreichen Aufbau in „Nature Boy“ oder ihren Scat-Improvisationen bei „Mingus, Miles And Coltrane“. Man mag vieles wie den Klassiker „Fever“ verjazzen können, um an das Original von Elvis heranzukommen, muss man sich wesentlich mehr ausdenken. Wirkt insgesamt zu sehr nach Alterswerk.

Lee “Scratch” Perry – „Must Be Free“

Lee “Scratch” Perry – „Must Be Free“Megawave, H’Art
Jamaika / Reggae, Dubstep, Electronica

Lee “Scratch” Perry, Godfather des Reggae und Dub, muss man eigentlich nicht mehr vorstellen. Er ist dieses Jahr 80 (!) geworden und je älter er wird, desto spaciger will er klingen. Er kooperiert mit jungen Musikern wie hier mit dem Soundtüftler John Palmer a.k.a. Spacewave, nutzt dabei die Narrenfreiheit, die er bei seinen Bewunderern hat und darf sich als jamaikanischer Klangastronaut fühlen. Ja, Perry ist auf seiner großen Reise durch die Musikgeschichte vom Reggae inzwischen in der Electronica angelangt. Sein Beitrag besteht aus seinem Sprechgesang, der wie üblich äußerst bizarr ist, und er beeinflusst die Soundgestaltung seiner Kollegen. Die Musik besteht aus trockenen, oft monotonen, manchmal auch recht holprigen rhythmischen Loops, meist im Midtempo. Es bruzzelt und knistert viel dahin, so dass man nicht immer zum Tanzen animiert ist. Die Effekte wirken aber relativ unverbraucht. Das ist alles schon recht experimentell, aber auch trippig und relaxed. Perry brabbelt und lacht sich durch seine mehrfach vorhandenen Vokal-Manifestationen. Hört man ihm zu, merkt man: Er ist der einzig wahre Dadaist unter den jamaikanischen Reggaemusikern, was von den Literaturgeschichtsschreibern bislang sträflich übersehen wurde. Wie ein in Jamaika wiedergeborener Ernst Jandl kommt er einem fast vor, voller Wortspiele und faszinierender Improvisationen. Der alte Mann forciert das Herumspinnen, weil er sich als betagte Legende geehrt fühlt. Das führt manchmal zu einer gewissen Beliebigkeit, insbesondere weil oft doch der packende Groove fehlt. Am besten kommt Perry noch rüber, wenn er einen astreinen Dub hinlegt. Da muss man aber bis zum Bonus-Track warten. Andererseits spürt man diese nie enden wollende Probiersucht Perrys. Ihr fehlt nur manchmal der selbstkritische Blick. Man hat den Eindruck, Ausschuss gibt’s bei Perry und Co. nicht.

Pablo Moses – „The Rebirth“

Pablo Moses – „The Rebirth“Grounded Music, Broken Silence
Jamaika / Roots Reggae

Und noch ein alter Reggae-Haudegen. Pablo Moses’ große Zeit war in den Siebzigern. Mit „The Rebirth“ will es der jamaikanische Reggaesänger jetzt noch mal wissen, doch sein neues Album hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits kann man froh sein, dass es immer noch Roots Reggae-Veröffentlichungen gibt, da sich der Reggae inzwischen in unzählige, vor allem Hip Hop-lastige und technoide Richtungen fast aufgelöst hat. Andererseits hat man diese recht einfache Art, wie sie Moses hier bietet, doch schon x-mal gehört. Zu simple sind die Songs strukturiert, keine Tonartwechsel, kein Break, kaum Instrumentalsoli zum Auflockern. Nach 30 Sekunden weiß man, wie das Stück endet. Zudem betont die Abmischung etwas zu sehr die Höhen. Moses hat eine eher sanfte Stimme, weshalb ihm Lovers Rock-Nummern (Schmuse-Reggae) am ehesten liegen. Und er hat, bei Jamaikanern eher selten, eine auffallend klare Aussprache, also kann man die Texte gut verstehen. Musikalisch erinnert er etwas an Burning Spear. Guter Standard, aber ohne neue Erkenntnisse.

Harold López-Nussa – „El Viaje“

Harold López-Nussa – „El Viaje“Mack Avenue
Kuba / Latin Jazz

Kuba scheint ein unerschöpfliches Reservoir an virtuosen Musikern zu haben, in letzter Zeit insbesondere Pianisten. Harold López-Nussa ist wieder ein Name, den man sich merken muss. Eigentlich könnte man bei „El Viaje“ von einem Duo-Album zweier Brüder sprechen, denn Ruy Adrián López-Nussa brodelt am Schlagzeug mit komplexen afrokubanischen Rhythmen genauso beeindruckend daher. Die beiden inspirieren sich spürbar gegenseitig und Ruy wirkt manchmal wie ein Drummer und Perkussionist gleichzeitig. Der Dritte im Bunde, der afrikanische Bassist Alune Wade, ist jedoch genauso wichtig, trägt er doch durch sein Mitsingen, sein perfektes Unisono-Spiel zur schon fast ohrwurmhaften Melodik der Stücke bei. Wade erinnert dabei durchaus an Richard Bona. Ein weiteres wichtiges Element dieser Musik ist das schnell wechselnde Spiel Harold López-Nussas mit stilistischen Anleihen. Zwischen Kuba, Funk, Bebop oder Blues wird eine Melodie ständig variiert, im fließenden Übergang auch mal kraftvoll zerhackt und dann wieder sinnlich gespielt. Die wenigen Gastmusiker (Trompete, Mundharmonika) sind hier nur atmosphärisches Beiwerk. Harold López-Nussa ist übrigens der erste kubanische Musiker, der ein Album seit der Aufhebung vieler Restriktionen des Handels-Embargos international veröffentlicht. Klingt nach wohlverdienten Vorschusslorbeeren.


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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