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Milton Nascimento & Lô Borges – „Clube da Esquina“

Milton Nascimento & Lô Borges – „Clube da Esquina“

Ein Klassiker-Albun aus Minas Gerais in Brasilien: Milton Nascimento & Lô Borges – „Clube da Esquina“.

Milton Nascimento & Lô Borges – „Clube da Esquina“Milton Nascimento & Lô Borges – „Clube da Esquina“

EMI / 1972
Brasilien / Música Popular Brasileira

Nicht alle großen Stars der brasilianischen Musik klingen nach Samba und Bossa Nova oder kommen aus Rio. Und der Tropicalismo war auch nicht die einzige wichtige künstlerische Bewegung Brasiliens. Nördlich von Rio liegt der Bundesstaat Minas Gerais, ohne Zugang zur Küste, etwa so groß wie Frankreich und berühmt für seine barocken Kirchen und sanften Hügeln. Die Musik ist hier ganz anders, sanfter und spiritueller. Von hier kommen auch Milton Nascimento und die künstlerische Bewegung „Clube da Esquina“ (Der Club an der Ecke). Zu ihr gehörten Musiker und Texter wie Lô Borges und sein Bruder Marcio, der auf dem Cover mit genannt ist, der Gitarrist Toninho Horta, der Arrangeur Wagner Tiso oder die beiden bekannten Songtexter Fernando Brant und Ronaldo Bastos. Insofern ist es ein Gemeinschaftsalbum, wenngleich Nascimento hier als der Bekannteste vorangestellt wurde. Der „Clube da Esquina“ mixte Progressive Rock, Bossa Nova, Jazz und brasilianische Musik mit Einflüssen der Klassik. Ähnlich wie bei den Tropicalistas waren zudem die Beatles ein wichtiger Einfluss, dennoch sind die Ergebnisse völlig anders als bei Veloso, Gil & Co. Betörende Melodien, die Vorherrschaft von Klang und Atmosphäre gegenüber Rhythmen, die Perkussion der Indianer und Chormusik oder der Einsatz von Streichern sind Charakteristika dieser Musik. Nascimento singt sehr hoch mit viel Hall als käme er aus einer anderen Dimension. Er ist einer der lyrischsten Künstler und versteht immer wieder zu überraschen. Typisch ist sein melancholischer Satzgesang, den man nur als ergreifend und betörend bezeichnen kann. Seinen textlosen Gesang hat er sich übrigens wegen der Zensur zugelegt, wenn sie seine Texte nicht genehmigte. Die Ballade „Um Gosto De Sol“ ist die Inkarnation von brasilianischer Sehnsucht, plötzlich gebrochen von staccatohaften Streichern, ebenfalls ein hier öfter verwendetes Stilmittel. Das kurze „Pelo Amor De Deus“ hat eine fast kakophonische Begleitung und verdrehte Melodie, ist im Grunde ein experimentelles Stück. Überhaupt wirken manche Songs wie Skizzen.

Nascimentos bekanntester Titel vom Album ist „Cais“. Wenn ein Lied einen zum Weinen bringen kann, dann dieses. Gitarre, der Klang einer Orgel, minimale Perkussion und eine sehnsuchtsvolle Stimme, mehr braucht es hier nicht. Am Schluss wieder ein staccatohafter Piano-Teil. Das wirkt wie Aufwachen aus einem Trip. Auch harmonisch sind Nascimentos Kompositionen hochinteressant. Sagen wir es mal so: Seine Akkorde dürften in deutschen Schlagern so gut wie nie vorkommen. Rhythmisch sehr treibend mit fröhlicher Melodie ist dagegen „Cravo E Canela“, später auch von Airto Moreira & Flora Purim aufgenommen. „Dos Cruces“ dagegen ist angespannter, geht in dramatischen Akkorden und gregorianischen Chören auf. Auch „Um Girassol Da Cor De Seu Cabelo“ ist etwas düster mit seinen Streichern, dann geht es rhythmisch mit E-Gitarre und Drums weiter. „San Vicente“ hat merkwürdige vertrackte Rhythmen und klingt mit Kirchenglocken aus.

Das Album wurde einst von der Kritik verrissen, bekam aber dennoch enorme internationale Aufmerksamkeit. Heute ist es ein Meilenstein, insbesondere für eine bestimmte ästhetische Orientierung und beeinflusste Jazzer wie Pat Metheny. 1978 folgte eine Fortsetzung des Albums („Clube da Esquina 2“).


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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