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Musik-Klassiker aus Lateinamerika: Miguel ‘Angá’ Díaz – „Echu Mingua“ (Kuba)

Musik-Klassiker aus Lateinamerika: Miguel ‘Angá’ Díaz – „Echu Mingua“ (Kuba)

In unserer Reihe Klassiker-Alben aus Lateinamerika stellen wir heute zeitgenössische, kubanische Jazz-Musik vor: Miguel ‘Angá’ Díaz mit seinem Album „Echu Mingua“.

Miguel ‘Angá’ Díaz – „Echu Mingua“Miguel ‘Angá’ Díaz – „Echu Mingua“

World Circuit, Indigo / 2005
Kuba / Latin Jazz

Kubanische Musik, so virtuos und schweißtreibend sie auch manchmal gespielt sein mag, tritt oftmals insofern auf der Stelle, wie sie mehr von ihrem Nimbus als von tatsächlichen Neuerungen lebt, die den Veränderungen einstiger Innovatoren wie Irakere oder Rubalcaba nahe kommen. Dazu gehört eben auch der Mut, die gängigen Riffs und Arrangements zu verlassen und an die eigenen Roots anders heranzugehen. Diesbezüglich klang das Album „Echu Mingua“ des Perkussionisten Miguel ‚Angá’ Díaz wirklich gleich Lichtjahre weiter, ohne dabei gleich auszuloten, wie kubanische Musik überhaupt noch klingen könnte. Díaz spielte mit Zukunft und Vergangenheit kubanischer Musik. Im richtungsweisenden Stück „Rezos“ meint man einem musikalischen Ritual aus der Sklavenzeit beizuwohnen, bis sich kurz ein gesampleter Break hinein mischt, um dann die Trommelspur mit Jazzimprovisationen zu vermischen. Díaz versucht insofern, den ganzen Kosmos der kubanischen Musik zu collagieren. Unter den Gästen des Albums wirken mit: der malinesische Sänger und Perkussionist Baba Sissoko, der französische DJ Dee Nasty, dann Cachaíto López, von allen Buena Vistas noch der offenste, der arabische Flötist Magic Malik und die Kuba-Legende Irakere, bei der Díaz einst spielte. Was im erwähnten Stück „Rezos“ noch etwas durcheinander wirkt, erweist sich aber doch von einem derart anderen Gestus als die überwiegende Mehrheit aktueller kubanischer Musik. Diaz bezieht die afrikanischen Wurzeln mit ein, bringt die Musik aber auch dorthin wieder zurück. Er spielt mit den stilistischen Versatzstücken und setzt sie neu zusammen. Wenn der Jazz einst kubanische Rhythmen vereinnahmte, so experimentiert Díaz nun mit kubanischen Arrangementweisen im Jazz und versetzt z. B. John Coltranes „A Love Supreme“ einerseits mit Voodoo-Gesängen, andererseits mit dicken Streichern. Auf „Freeform“ leistet er sich ein rasantes Duett Congas / Breakbeats und in „Oda Maritima“ wird gar noch der Tango kubanisiert. Doch bevor das Konzept zu intellektuell wirken könnte, baut Díaz ein paar gängige Nummern ein. Bis heute ist das Album ob seines unkonventionellen Konzepts unerreicht. „Echu Mingua“ War Diaz‘ erstes Solo-Album. Ein Jahr später starb er an einem Herzinfarkt, womit eine der größten innovativen Kräfte Kubas gleich wieder verstummte.


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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