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Otros Aires – Electrotango als Zeitsprung

Zunächst schwofen tanzende Paare in edlem Zwirn eine Stunde lang zu sehr alten Tangos übers Parkett. Dann kommen plötzlich Otros Aires auf die Bühne. Im Hintergrund laufen Videoanimationen der Band. Sänger, Gitarrist und Mastermind Miguel di Genova wirkt fast wie ein Rocksänger, ungewohnte Keyboardklänge sind zu hören, ein programmierter Rhythmus ertönt und dazu improvisiert ein Bandoneon. Ja, es ist Tango, aber in wenigen Sekunden hat man einen Zeitsprung von über 60 Jahren mitgemacht. Mit ihrem Electrotango gelingt Otros Aires aber der Link zu Ikonen wie Carlos Gardel.

Otros Aires ist ein audio-visuelles Electrotango-Projekt, das 2003 von dem Musiker Miguel Di Genova in Barcelona gegründet wurde. Dies geschah nicht von ungefähr, weil man sich hier unbelastet von den Klammern der Wächter des traditionellen Tangos einem neuen Publikum in den katalanischen Szene-Clubs vermitteln konnte. Vorher hatte der ausgebildete Architekt, Toningenieur und Videokünstler di Genova sich bereits einen Namen in der Mestizo-Rockszene gemacht und klassische Gitarre studiert. Die erste CD von Otros Aires mit dem gleichnamigen Titel wurde am 11.12.2004, dem Geburtstag von Carlos Gardel, im Museo Casa Carlos Gardel in Buenos Aires präsentiert. Das Album setzte sich noch nicht so wie erhofft durch. Die Konkurrenz wie das Gotan Project ist zu übermächtig. Außerdem merkt di Genova, dass man in Argentinien weniger Verständnis für die Richtung hat als im Ausland. Doch 2006 mit dem Nachfolger „Dos“ kommt man auf Augenhöhe mit den anderen Electrotango-Bands. Dass ihre Version des neuen Amalgams tanzbarer ist, mit Videos und Tango-Showtänzern und seiner popmusikalischen Attitüde ein vor allem junges Publikum anspricht, macht sich bezahlt. Dennoch geht der Bezug zur Geschichte nicht verloren. Samples und Film-Zitate der Tango-Legende Carlos Gardel aus den Jahren 1918 – 1936 gehören zum Konzept und die Band zeigt instrumental, dass sie auch ihre Lektion Nuevo Tango gelernt hat. Mit Omar Massa am Bandoneon, Diego Ramos am Klavier und Manu Mayol am Schlagzeug überzeugt man 2007 mit dem Live-Album „Vivo en Otros Aires“ die Letzten vom Gegenteil, die glauben, Electrotango-Alben seien vor allem Studioprojekte. Inzwischen ist eine DVD dazu erschienen, die beweist, wie eigenständig der Electrotango auch als Gesamtkunstwerk ist.

Hans-Jürgen Lenhart: Otros Aires wurde in Barcelona gegründet. Wie stark ist die dortige Tango-Szene entwickelt?

Miguel di Genova: Als ich Barcelona vor einigen Jahren verließ, war sie kaum spürbar. Heute scheint das anders zu sein. Es gibt etliche Milongas. Ich wollte aber damals Musik für Leute spielen, die gerade keine Tango-Experten sind. Deshalb präsentierte ich den Electrotango zuerst in Bars und Clubs in Barcelona vor jüngerem Publikum. In Argentinien gab es dagegen das Problem, dass die Milongas selten für eine solche Musik die akustischen Bedingungen bieten. In Barcelona hat man zudem das Gefühl, hier ist musikalisch alles erlaubt.

Hans-Jürgen Lenhart: Wie werdet ihr eigentlich von den argentinischen Tango-Traditionalisten her gesehen?

Miguel di Genova: Wir wurden anfangs oft kritisiert, dass unsere Musik nichts mit Tango zu tun hätte. Es gab nur zwei oder drei Milongas in Argentinien, wo wir regelmäßig aufgetreten sind. Das bewog uns, mehr im Ausland aufzutreten. Wir spielen auch traditionelle Tangos und haben unseren Respekt davor. Aber in Argentinien ist der ein religiöses Tabu. Ein Tango wird erst als solcher akzeptiert, wenn er mindestens 20 Jahre auf dem Buckel hat. Auch Astor Piazzolla ging es schon so. Manche glauben, es sei recht einfach, Tango mit ein bisschen programmierten Rhythmen zu spielen und einen DJ dazuzustellen, aber wir musizieren ja im Grunde ähnlich wie die Nuevo Tango-Leute. Ich kann die Elektronik auch weglassen. Nach fünf Jahren Arbeiten in diesem Stil glaube ich aber, dass die Leute die qualitativen Unterschiede im Electrotango sehen können.

Hans-Jürgen Lenhart: War es schwer, akustisch spielende Musiker zu finden, wenn man ein elektronisch konzipiertes Projekt aufbaut?

Miguel di Genova: Meine Musiker kommen aus einer Ecke, wo man alles Mögliche gewohnt ist, daher war das nicht so ein Problem. Es ist eher ein Umstand, Tangotänzer zu bekommen. Sie kennen meist nur bestimmte Lieder und da exakt die Stellen, wo sie ganz spezielle Schritte machen. Beim Electrotango verändern sich die Bestandteile der Lieder in ihren Zeitabschnitten enorm, da fühlen sich viele verunsichert, insbesondere in Argentinien.

Hans-Jürgen Lenhart: Ist das Electrotango-Publikum ein gänzlich anderes als das der Tango-Liebhaber?

Miguel di Genova: In Europa ist es oft gespalten: Es gibt einerseits die Tango-Liebhaber und –Tänzer und die interessierten Weltmusikhörer andererseits und wir ziehen die etwas älteren Tango-Fans genauso an wie ganz junge Nightclubber. Ich liebe eigentlich diese Mischung. Nur in Argentinien kamen zu unseren Konzerten anfangs zur Hälfte nur Touristen und viel zu wenig Einheimische. Das war enttäuschend. Inzwischen hat sich das zum Glück stark geändert. Offensichtlich braucht alles seine Zeit. Unsere Musik ist auch in Argentinien nicht unbedingt jeden Tag im Radio zu hören.

Hans-Jürgen Lenhart: Du hast vor Otros Aires Mestizo Rock gespielt. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Miguel di Genova: Mich interessierten schon immer musikalische Mixturen und neue Entwicklungen, deshalb war ich beim Electrotango von Anfang an dabei. Es gibt heute noch im Bereich rhythmischer Kombinationen mit Tango genug auszuprobieren. Wir wollen dem Electrotango einen eigenen Rhythmus geben. Das geht aber nicht, wenn man nur einen House Beat nimmt und ein paar Bandoneon-Samples drüberlegt.

Hans-Jürgen Lenhart: Deine Band klingt songorientierter als die meisten anderen Electrotango-Projekte. Hängt das mit der Vorgeschichte als Mestizo Rocker zusammen?

Miguel di Genova: Ich begann meine Karriere mit dem Schreiben von Songs zur Gitarre. Auch jetzt sind die Texte immer noch wichtig. Schon bevor ich Mestizo Rock spielte, war der Tango-Einfluss bereits in den Harmonien und Texten meiner Lieder vorhanden. Ich suche mir immer nur eine neue Ausdrucksform dafür.

Hans-Jürgen Lenhart: Du entwirfst auch die Videos für die Bühnenshow. Ein zweites Talent?

Miguel di Genova: Es ist Teil meines Gesamtkonzepts von Veränderung im Tango. Ich verlasse mal die Bühne, dann sind da die elektronischen Beats, der Bandoneon-Spieler, ein Video, dann traditionelle Tänzer, aber auch Breakdancer. Alles zusammen zeigt diese Veränderung. Dadurch gelang es uns, Teil der Tango- und Popmusikszene gleichzeitig zu werden.

Hans-Jürgen Lenhart: Nach meinem Eindruck hat mit dem Aufkommen des Electrotango die jüngere Szene des akustischen Tangos genauso viel Aufschwung bekommen.

Miguel di Genova: Das stimmt, auch wenn das die Traditionalisten nicht glauben. Es gibt viele, die über Electrotango überhaupt in den Tango einsteigen und die junge Szene entdecken. Seit der argentinischen Wirtschaftskrise gibt es ein richtiges Revival des Tangos.

Hans-Jürgen Lenhart: Sehr viele Electrotango-Projekte operieren von Europa aus oder haben nicht-argentinische Mitglieder. Ist das ein Effekt der Wirtschaftskrise Argentiniens gewesen?

Miguel di Genova: Einerseits wanderten viele deswegen aus, aber wichtiger ist es, den Tango dadurch von außerhalb sehen zu können. Fast alle Electrotango-Bands arbeiten mit Europäern zusammen. In Argentinien findet sich auch kaum ein Produzent für so was. Und der Tango bekommt im Ausland etwas Nostalgisches. Dadurch rückt man ihm manchmal näher als daheim.

Hans-Jürgen Lenhart: Du zeigst den legendären Tango-Sänger Carlos Gardel in deinen Bühnenvideos und spielst Samples von ihm ein. Kennt das jüngere Publikum überhaupt noch einen so lange zurückliegenden Musiker?

Miguel di Genova: Nun zu Carlos Gardel tanzt man nicht mehr unbedingt, eher zu den orchestralen Tangos aus den 40ern und 50ern. Wir haben das aber wieder möglich gemacht. Der alte Tango spiegelt sehr stark die traditionelle Rollenaufteilung von Mann und Frau wieder. In der Kombination mit Club Music verliert sich aber dieses überkommene Klischee, das die Atmosphäre des traditionellen Tangos ausmacht, und man kann neues Publikum gewinnen.

Otros Aires in Nürnberg

Foto: Steffen Oliver Riese / Otros Aires

Veröffentlichungen:

„Otros Aires“ (galileo / 2005)
„Dos“ (galileo / 2007)
„Vivo en Otros Aires“ (galileo / 2009)
„Vivo en Otros Aires“, DVD (www.otrosaires.com)
„Tricota“ (galileo / 2010)
„Otros Aires 4“ (galileo /2013)
„Perfect Tango“ (otrotono / 2014)

Verwendung aller Fotos im Artikel mit Genehmigung von Miguel di Genova von Otros Aires.


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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