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Pink Martini – Kosmopoliten mit Grandezza (Konzertbericht)

Pink Martini – Kosmopoliten mit Grandezza (Konzertbericht)

Konzert am 26.04.2017 im Frankfurter Hof, Mainz

Was haben der Tango, Freddy Quinn, Franz Schubert und der Disco-Hit „I Will Survive“ miteinander zu tun? Zumindest ergab sich daraus das Pink Martini-Stück „And Then You’re Gone“, erklärte Bandleader und Pianist Thomas Lauderdale bei seinem Konzert in Mainz etwas schelmisch in seiner auf Deutsch geführten Moderation. Damit ist schon viel über das kreative Konzept des Orchesters gesagt. Die Band spielt zudem etliche Latin-Klassiker und weiß die Nostalgie früherer Zeiten in die Gegenwart zu transportieren. So könnte man sich die Atmosphäre in den Tanzpalästen in Havanna der Fünfziger vorstellen. Pink Martini haftet zwar das Image einer Easy-Listening-Truppe an. Live erwies sich die Band bei ihrem Konzert in Mainz jedoch keineswegs als Begleitmusik zum Cocktail nippen, sondern riss die Zuschauer vielmehr ständig zum Tanzen von den Stühlen, bis man gar in einer Kette durch den Saal zog. Die ganz große Show also.

Konzert-Bericht: Pink Martini in Mainz

Klassiker der Latin Music wie „Brazil“ gehören zum Standard-Repertoire von Thomas Lauderdale & Co. Viele dieser Perlen stammen aus den Vierzigerjahren wie der kubanische Klassiker „Quizás, Quizás, Quizás“ (von 1947). Sängerin Storm Large erklärte dazu im Konzert, man wolle nicht eine der bekannten englischsprachigen Fassungen wie die von Doris Day („Perhaps, perhaps, Perhaps“) präsentieren, sondern sich am Original orientieren. Etliche der Lieder stammen aus Filmen wie die Zugabe „El Negro Zumbón“ (aus dem Film „Anna“) und sie sind Beispiele für den frühen Einfluss von Latin Music auf amerikanische Popmusik. Es sind Titel, wie sie in den Sechzigern bei uns über den AFN bekannt wurden und irgendwie jeder schon mal gehört hat. Deutsche Stars wie Caterina Valente, die ja etliche Latin-Alben aufnahm, hatten sie im Repertoire. Oft wurden gerade solche Latin-Songs durch Adaptionen im Easy Listening-Bereich in den Fünfzigern zu Evergreens und später immer wieder neu vertont. Pink Martini versetzt uns mit Titeln wie „Amada Mio“ oder „Yolanda“ in die Zeit der großen Nachtclubs, in denen „exotische“ Musik in jazzigen Arrangements oder eine Drum-Battle selbstverständlich war. Die Gruppe entführt einen aber auch in eine Samba-Parade in Rio de Janeiro, eine französische Musikhalle der Dreißiger einen neapolitanischen Palazzo. Das Publikum macht diese Zeitreise gerne mit. Es sind Melodien im Stil großer Orchester, die den Test of Time bestanden haben. Das alles hat aber weniger mit übertriebener Nostalgie zu tun, sondern ist eher als Gegenkultur zu den Fließbandproduktionen der Charts und zur musikalischen Ästhetik des heutigen Kommerz-Radios zu verstehen. Schließlich waren die meisten Titel auch mal Welthits.

Konzert-Bericht: Pink Martini in Mainz

Pink Martinis Konzept hat aber noch viel mehr zu bieten und vermittelt auch ein politisches Credo. Man präsentiert Lieder in bis zu 15 Sprachen. Pink Martini ist laut Lauderdale „…ein Rucksack musikalischer Abenteuer rund um die Welt… Wenn die Vereinten Nationen 1962 eine Hausband gehabt hätten, wären wir gerne diese Band gewesen“. Zu solchen Abenteuern gehört, wie Sängerin Storm Large bei einem Lied der iranischen Sängerin Googoosh vermittelte, dass der Text entgegen aller Erwartungen gegenüber dieser Musik sehr erotisch sei. Überhaupt lässt das Repertoire die Welt der großen musikalischen Diven vergangener Zeit aus allen Kontinenten wieder auferstehen. Da erklingen Lieder der libanesischen Legende Fairuz, von Miriam Makeba, Edith Piaf oder Amália Rodrigues, die in Portugal bis heute als Königin des Fado gilt. Es gibt armenische Lieder, Sambas, Chansons, Japan-Pop, Afro-Hits und viel Latin Music – Pink Martini macht bewusst, wie großartig Vielfalt sein kann.

Konzert-Bericht: Pink Martini in Mainz

Gerade als amerikanische Band möchte man mit dem Repertoire wie auch mit der Besetzung die kulturelle Vielfalt der eigenen Nation vermitteln und damit das genaue Gegenteil der kulturellen Abschottung der Trump-Ära. In der Band tummeln sich Musiker japanischer, griechischer, kubanischer, deutscher oder französischer Abstammung. Und ihre Mischung aus Weltmusik, Evergreens, Klassik und Jazz in edlen Arrangements bewahrt so manche Perlen der Weltmusik davor, als legendäre, aber dennoch nur mit viel Rauschen zu hörende Aufnahme in Erinnerung zu bleiben. Vielmehr werden wunderschöne Kleinode ferner Musikkulturen neu aufbereitet und der heutigen Generation als besondere Glanzpunkte von Musikkultur vermittelt. Klar, das schmachtende Element ist oft dabei, aber es hat etwas Augenzwinkerndes und etwas Edles. Die positive Wirkung seiner Musik setzt Lauderdale übrigens bewusst politisch ein. Als ehemaliger Bürgermeisterkandidat gründete er seine Band 1994 in Portland, Oregon – man mag es kaum glauben – speziell dafür, um auf Fundraising-Veranstaltungen für soziale Projekte erträglichere Musik zu spielen als er es von solchen Events her gewohnt war und gleichzeitig alle Ethnien, Religionen oder Altersgruppen anzusprechen. In Mainz war gerade das Generationenübergreifende deutlich sichtbar. Noch heute spielt die Band bewusst auf politischen Protestveranstaltungen.

Konzert-Bericht: Pink Martini in Mainz

Im Konzert wechselten sich Sängerin Storm Large, die die „Ur“-Chanteuse China Forbes vertritt, aber besser noch als auf CD klang, mit dem japanisch-stämmigen Sänger Timothy Nishimoto ab und wagte auch mal ein Tänzchen mit Perkussionist und Sänger Miguel Bernal. Das Konzert hätte man ruhig unbestuhlt durchführen können. Der Saal war zum Platzen gefüllt, immer wieder riss es die Leute von den Stühlen und man tanzte schließlich sogar Polonaise. „Get Happy“ hieß eines der Pink Martini-Alben. Diesem Motto folgte man und klatschte die Band noch zu Zugaben zurück, als Boss Lauderdale wohl schon unter der Dusche stand und man auch ohne ihn weiterspielte. Es hätte gerne noch so weitergehen können, aber man muss ja meist am nächsten Tag arbeiten. Zum Trost für Betroffene warb Thomas Lauderdale für seine Spieluhr, die zum Verkauf stand und „Je Ne Veux Pas Travallier“ spielt – „Ich habe keine Lust zu arbeiten“.

Konzert-Bericht: Pink Martini in Mainz


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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