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Tropicália – Eine musikalische Revolution in Brasilien

Tropicália – Eine musikalische Revolution in Brasilien

In unserer Reihe Klassiker-Alben aus Lateinamerika stellen wir heute eine Kompilation mit Musikstücken aus der Kulturbewegung Tropicálismo vor.

„Tropicália – Revolution in Brazil: Music and Culture under Dictatorship“Gilberto Gil, Caetano Veloso, Gal Costa, Jorge Ben, Os Mutantes, Tom Zé – „Tropicália – Revolution in Brazil: Music and Culture under Dictatorship“

Soul Jazz, Indigo / 2005
Brasilien / Tropicália

Eine angemessene Veröffentlichung für die wohl größte Kulturbewegung, die je in Brasilien stattgefunden hat, ist die Kompilation „Tropicália – A Brazilian Revolution In Sound“. Der „Tropicalismo“ oder auch „Tropicália“ genannt, entstand in den 1960ern als Gegenreaktion auf den Militärputsch in Brasilien und der Unterdrückung allen freigeistigen Denkens. Seine experimentelle Kraft wirkt insbesondere in der Musikszene bis heute nach.

Einem längeren Kapitel aus einem Musikfachbuch gleich kommen die Ausführungen der Booklet-Beilage mit Informationen über das Tropicália-Konzept von Musikern wie Caetano Veloso, Gilberto Gil, Os Mutantes oder Tom Zé. Dazu wird Tropicália in den Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung der 60er Jahre gestellt und erwähnt, dass die Bewegung gleichrangig auch in Film (Cinema Novo), Kunst, Architektur, Literatur usw. stattfand. Die Beschreibungen gehen glücklicherweise sehr in die Tiefe. Dabei wird z. B. klar gestellt, dass sich die Tropicálistas auch gegen die Kleingeistigkeit der dogmatischen Linken wandten. Es ging darum, einen eigenen brasilianischen Weg in der internationalen Popkultur zu finden. Tropicália existierte schwerpunktmäßig nur um das Jahr 1968 herum, doch die künstlerischen Konzepte wirken noch heute bei so eklektizistischen brasilianischen Musikern wie zuletzt den Cibelle, Lucas Santtana oder Apollo Nove nach, die auf unkonventionellste Art weit auseinander liegende Einflüsse miteinander verbinden. Im Booklet findet sich auch ein Interview mit dem Instrumentenerfinder Tom Zé, der das Tropicália-Konzept heute noch am ehesten weiter betreibt sowie mit Sergio Dias von Brasiliens Psychedelic Rock-Legende Os Mutantes.

Musikalisch war Tropicália eine Verbindung traditioneller brasilianischer Musik mit Rock- und Beat-Musik sowie avantgardistischen Musikeinflüssen. Vom heutigen Sound der großen Namen wie Gil und Veloso kann man nur indirekte Rückschlüsse auf die Musik von damals machen. Das Motto der Tropicálistas drückte ihr bekanntester Song aus: „È proibido proibir“ – „Es ist verboten zu verbieten“. Entsprechend experimentierfreudig war die Musik. Os Mutantes arbeiteten z. B. unter dem Einfluss der frühen Pink Floyd mit rückwärts laufendem Gesang zu Fuzz-Gitarre und Tanzcafé-Orgel mit Beatmusik-Rhythmen. Bei Caetano Veloso hört man kakophonische Klänge in einer großorchestralen Begleitung. Gilberto Gil verwendete in „Batmacumba“ ein konkretes Gedicht eines Avantgarde-Dichters. Für Gil und Veloso endete das künstlerische Experiment mit Gefängnis und Exil. Selten war eine popmusikalische Bewegung derart künstlerisch anspruchsvoll, selten ist diese Bewegung so gut dokumentiert worden wie mit dieser Veröffentlichung. Ein essentielles Werk zum Verständnis einer speziell brasilianischen Herangehensweise an Musik.


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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