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Bossa Nova – Die endlose Geschichte

Bossa Nova – Die endlose Geschichte

Die Geschichte der Bossa Nova

João Gilberto – Bossa Nova

João Gilberto *

Als 1958 Bossa Nova-Ikone João Gilberto den Klassiker „Chega De Saudade“ von zwei weiteren Bossa-Ikonen, Antonio Carlos „Tom“ Jobim und Vinícius de Moraes, aufnahm, wussten sie vielleicht nicht, dass sie später damit als die „Schuldigen“ an der Bossa Nova identifiziert werden würden. Während Gilberto den fast Sprechgesang-artigen Gesangsstil und die synkopierte Variation des 2/4-Rhythmus aus dem Samba Canção entscheidend prägte, war Jobim einer der wichtigsten Komponisten und de Moraes der prägende Texter der Bossa Nova. Er schrieb auch das Theaterstück „Orfeu da Conçeição“, das als Film „Orfeu Negro“ 1959 der Bossa Nova den ersten Welterfolg eintrug. Der Film wird in Brasilien allerdings eher als touristische Kitsch-Fassung des Lebens in den Favelas betrachtet.

„Orfeu Negro“„Schuld war nur der Bossa Nova“, der 1963er-Hit von Manuela, war allerdings schuld daran, dass viele noch heute glauben, es hieße „der“ Bossa Nova“, womit aber der gleichnamige Tanzstil gemeint war. Aber laut Claus Schreiner, Deutschlands Latin-Experte, „verhalten sich die Bossa Nova-Musik und der gleichnamige Tanz wie Original und Fälschung“. Doch mit brasilianischer Musik nahm man es im deutschen Schlager damals eh nie so genau. So verlegten Friedel Hensch und die Cyprys in einem Song den Samba gar nach Kamerun. War ja damals eh alles schwarze Musik. Denkste – gerade die Bossa Nova wurde eher von weißen Intellektuellen gespielt und basiert als verlangsamte Form des Samba Canção auf schwarzer Musik. Auch weitere Dinge an der Bossa Nova stellen sich anders dar als man gerne glauben möchte. Weder war die Bossa Nova in Brasilien von jeher „der“ Musikstil, der das brasilianische Lebensgefühl ausdrückte, noch war ihr Welterfolg einer, der sich für brasilianische Musiker gleich bezahlt machte. Bossa Nova war in Brasilien vergleichsweise kurz populär (1958-64) und das auch bei weitem nicht in der gesamten brasilianischen Bevölkerung. Die meiste Zeit dieser 50 Jahre war Bossa Nova in Brasilien fast vergessen. Die Annahme, Bossa Nova stehe neben Samba für brasilianische Musik, hat viel eher mit ihrer internationalen Verbreitung über den amerikanischen Markt zu tun.

Astrud Gilberto – The Girl From Ipanema

Astrud Gilberto *

1962 begannen sich amerikanische Jazzmusiker wie Herbie Mann für die Bossa Nova zu interessieren. Dies führte infolge zu Konzerten von Brasilianern in Amerika und unter anderem zu den legendären Aufnahmen von João Gilberto, Tom Jobim und Stan Getz mit dem englischsprachigen „The Girl From Ipanema“ von 1964. Ausgerechnet die nach Meinung vieler Brasilianer völlig talentlose Astrud Gilberto sang in diesem heute wohl bekanntesten Bossa Nova-Titel und Ehemann João Gilberto ärgerte sich maßlos, dass man seinen portugiesischsprachigen Gesangsteil für die Single dafür raus warf. Dennoch zählt das Ipanema-Girl heute zu den am meisten interpretierten Songs aller Zeiten und das Girl (Helô Pinhero mit Namen) gab es wirklich und sie wird noch heute immer wieder mal fürs Fernsehen interviewt. Jedoch sollte nicht vergessen werden, dass es bei dieser Zusammenarbeit anfangs vor allem darum ging, dass sich amerikanische Musikverleger die Urheberrechte an dem neuen Stil sicherten und dabei viele Brasilianer über den Tisch zogen, wie Claus Schreiner in seinem Standardwerk „Música Popular Brasileira“ (Darmstadt, 1985) zurecht darauf hinweist. Die Brasilianer konnten leicht überredet werden, ihre Rechte an die Amis abzugeben, da ihre einheimischen Verleger die Bossa Nova eher ignorierten.

Sergio Mendes – Geschichte der Bossa Nova

Sergio Mendes

Der Militärputsch in Brasilien 1964 veränderte dann das gesellschaftliche Klima vollständig: Die Musik wandelte sich, da unter der Zensur Kritik nur noch in doppeldeutigen Texten ausgedrückt werden konnte. Viele Künstler emigrierten in die USA. Seitdem beeinflussten sich die Bossa Nova und der dortige Jazz immer mehr. 1967 interpretierte schließlich Frank Sinatra Tom Jobims Kompositionen, womit ein erster Schritt getan war, dass sich die Bossa Nova auf dem internationalen Markt letztlich zu belanglosem Mainstream entwickelte. Sergio Mendes’ Interpretationen von Popsongs der inzwischen dominierenden Beatles und anderer Größen der 60er überführten den Bossa-Gestus noch einmal erfolgreich in die Popmusik.

Marcos Valle – Geschichte der Bossa Nova

Marcos Valle

In Brasilien aber hatte man in den 70ern Bossa Nova so gut wie vergessen. Die emigrierten Musiker pflegten das Genre dennoch weiter. Nach kleinen unbedeutenden Revivals und Reminiszenzen in der Popmusik kam es erst in den 90ern wieder zu erwähnenswerten Entwicklungen, diesmal in England. Englische DJs entdeckten dabei vor allem Bossa Nova-Künstler der zweiten Generation, die sich als am Popmusikgenre interessiert erwiesen hatten, wozu vor allem der von Smooth Jazz beeinflusste Marcos Valle oder die Sängerin Joyce gezählt werden können. Auch in Japan lebte das Interesse auf. Nach der Jahrtausendwende stürzten sich vor allem die Remixer auf brasilianische Musik, es kam zu mehr oder weniger interessanten Fusionen mit elektronischen Beats und so tauchte die Bossa Nova innerhalb Club Music-Genres wie Brazilectro, Nu Bossa oder drum & bossa zum Abchillen bei gut gemixten Cocktails in lauen Sommernächten auf. Immerhin sorgten Gruppen wie Da Lata für eine Rückkehr des relaxten Gefühls für eine neue Generation.

Bebel Gilberto – Geschichte der Bossa Nova

Bebel Gilberto

Schließlich nahmen die Brasilianer die Sache wieder selbst in die Hand. Marcello Menescal, der Sohn von Bossa-Legende Roberto Menescal, ließ fast vergessene Bossa-Stars zu modernen Beats im Projekt Bossacucanova wieder auferstehen und die Tochter von João Gilberto, Bebel Gilberto, die mit ihrem relativ dezenten Elektronik-Einsatz dem ursprünglichen Bossa-Feeling noch am Nahesten kam, erntete mit ihren Alben sogar die größten Verkaufserfolge der brasilianischen Musikgeschichte. Davon abgesehen hat es auch in späteren Jahren immer wieder große Bossa Nova-KünstlerInnen gegeben wie die zutiefst dezent singende Rosa Passos, die elegante Ana Caram und besonders die New Yorker Clique um Arto Lindsay mit Vinícius Cantuária und Jun Miyake haben sehr eigenständige Bossa-Sounds entwickelt. Auch in Brasilien modernisierte Celso Fonseca die Bossa mit internationalem Erfolg.

Musik-Empfehlungen zur Bossa Nova

Die Bossa Nova hat verschiedene Entwicklungen genommen, die in den letzten Jahren durch viele Wiederveröffentlichungen gut nachvollziehbar gemacht wurden. Neben den klassischen Gesangs- und Jazz-Varianten gab es viele Vokalgruppen wie Os Cariocas und die von vielen Bossa-Fans eher ungeliebte Verzuckerung mit Streicherklängen. Es gab virtuose Tastenspieler wie Luiz Eca (Tamba Trio) oder den Organisten Walter Wanderley oder die Hinwendung zur Popmusik á la Sergio Mendes bis hin zum heutigen Electrobossa. Auch wirkte die Bossa Nova in Filmen und in Europa, insbesondere Frankreich. Hieraus lassen sich durchaus thematische Blöcke zusammenstellen. The „Universal Bossa Nova Collection“ kommt dabei einer solchen Idee noch am Nahesten. Neben der Tatsache, dass hier fast ausnehmend Brasilianer vertreten sind, helfen einige der zehn Kompilationen wie zu Bossa-Instrumentals, Bossa-Duetten oder den Bossa-Sängerinnen wie auch den Classic Songs bei der notwendigen Orientierung. Da Bossa Love Songs dagegen auf jeder Kompilation auftauchen, hätte es keiner eigenen Zusammenstellung bedurft und so wurden in den anderen Teilen eher die verkaufsträchtigen Brasilien-Klischees bedient. Dennoch ist das Ganze eine lohnenswerte Fundgrube.

„Platinum Collection Bossa Nova“Was hier nicht zu finden ist, befindet sich vielleicht auf der dreiteiligen „Platinum Collection Bossa Nova“ von EMI. Hier ist Etliches aus der Frühzeit der Bossa Nova zu finden von wichtigen Musikern wie Johnny Alf, Carlos Lyra oder Sylvia Telles.

Auf die Geschichte der Bossa Nova inklusive alter und heutiger brasilianischer Bossa-Musiker geht die Kompilation „Bossacabana“ von Tropical Music ein, die von Brasilienkenner Claus Schreiner kompiliert wurde und schon vor einiger Zeit erschien. Hier gibt es auch die DVD „Legends – The Famous Lippmann + Rau Festivals 1965-69“ mit Fernsehaufzeichnungen aus Deutschland des Festival Folklore, Escola de Samba e Bossa Nova do Brasil. Dazu passt auch, die zum Standardbuch von Ruy Castro, „Bossa Nova – Eine Geschichte der brasilianischen Musik“ parallel erschienene CD noch mal zu erwähnen.

„Getz / Gilberto“Bei Verve hat man dagegen die amerikanisierte Variante der Bossa Nova veredelt und „The Bossa Nova Albums“ von Stan Getz geremastered als 5-CD-Box, jedoch ohne zusätzliche Titel oder Kommentare wiederveröffentlicht. Ein Bossa-Liebhaber sollte es sich natürlich nicht entgehen lassen, die Aufnahmen, die die Bossa Nova weltweit bekannt machten, in bestmöglicher Qualität zu haben. Das Album „Getz / Gilberto“ war immerhin für 44 Jahre das einige Jazzalbum, das bei den Grammys die Popkonkurrenz beim Album des Jahres schlug. Trotzdem hiermit die Bossa Nova teilweise sogar recht rücksichtslos an den amerikanischen Geschmack angepasst wurde, war Stan Getz der wahrscheinlich geeignetste Musiker, um sich in das relaxte Bossa-Feeling einzuklinken. Nach einem guten Jahr war Getz‘ Bossa-Phase allerdings schon abgehakt und er wandte sich anderen Dingen zu. Qualitativ haben alle fünf Alben Legenden-Prädikat.

„Blue Note Plays Bossa Nova“Auf „Blue Note Plays Bossa“ Nova kann man auf drei CDs die Folgen der Bossa Nova im Jazz nachvollziehen. Viele Jazzer bedienten sich der klassischen Kompositionen und unterwarfen sie den anders gearteten Jazz- oder Soul-Rhythmen, wodurch aus 2/4-Takt oft ein 4/4-Takt wurde. Insofern führte ihr Umgang mit der Bossa Nova genauso zu Hybriden wie heute bei den Bossa-Remixern. Erfreulicherweise finden sich auch einige recht eigenwillige Bossa-Adaptionen in der Auswahl wie Bobby McFerrins verrückt ausufernder „Blue Bossa“ oder Cassandra Wilsons bluesiges „Waters Of March“.

Originale brasilianische Bossa Nova-Alben aus den 50er bis 70er Jahren zu erstehen ist selbst in Brasilien relativ schwierig. Umso lobenswerter, dass 13 Raritäten vom Odeon / EMI-Brazil auf CD wiederveröffentlicht wurden. Dabei ist u. a. die Uraufnahme des Musicals „Orfeu da Conçeição“ aus dem Jahr 1956, das die Zusammenarbeit von Antonio Carlos Jobim mit Vinícius de Moraes (hier noch mit Roberto Paiva) markierte. Die Musik ist eine Mischung aus sinfonischer Musik, Macumba-Rhythmen, schmalzigem Crooner-Gesang und höchstens erahnbarer Bossa Nova. Der Gesangsstil der damaligen Zeit hatte noch gar nichts von der Eleganz eines João Gilberto, was nachvollziehen lässt, warum Gilberto sich nach anderen Ausdrucksformen sehnte. Manches wirkt gar wie Musik wie aus einem Mantel- und Degen-Film, jedoch war dies das erste Theaterstück mit afrobrasilianischem Hintergrund in Brasilien. Die Veröffentlichungen, die ausschließlich portugiesisch-sprachige Booklets haben, präsentieren noch frühe Alben von Marcos Valle, Eumir Deodato, Luiz Bonfa, Milton Banana Trio, Walter Wanderley oder João Donato, um die bekanntesten zu nennen. Doch statt Bossa sind oftmals eher Baiãos und Choros zu hören, was manche Alben etwas zum Etikettenschwindel macht.

Ron Carter – „Jazz & Bossa“Doch Bossa Nova steht auch für äußerst intime Stimmung. Cool dahin gehaucht wie eine Reinkarnation von Julie London erklingt Rosa Passos auf Romance. Edler geht’s kaum. Über die Pflichtübung hinaus geht da schon Ron Carter mit „Jazz & Bossa“. Sein „Chega De Saudade“ streift subtil die Wurzeln der Bossa Nova, lässt Choro und Samba-Trommel-Sessions anklingen, bleibt aber immer primär dem Jazz verhaftet. Die brasilianische Besetzung sorgt zudem für authentische Stimmung. So dürfte die mittlerweile gereifte Dame Bossa Nova jede Midlife Crisis überwinden.

Stimmen prominenter Fachleute zur Bossa Nova

Klaus Doldinger – Bossa-Nova-Experte

Klaus Doldinger *

Klaus Doldinger

Klaus Doldinger ist von allen bekannten deutschen Jazzmusikern derjenige, der mit Alben, Kooperationen und Tourneen mit am meisten Kontakt zur südamerikanischen Musik hatte.

Hans-Jürgen Lenhart: Welche Rolle spielte für Sie die Bossa Nova innerhalb ihres Interesses an brasilianischer Musik?

Klaus Doldinger: Mir hat die Melancholie dieses Teils der brasilianischen Musik immer zugesagt. Die brasilianische Musik weist dieses Element eigentlich gar nicht auf. Es ist eine Entwicklung der Generation nach dem 2. Weltkrieg, die das entwickelt hat, was später Bossa Nova heißen sollte. Diese Musiker hatten eine starke Affinität zur Musik der amerikanischen West Coast. Daraus entstand eine neue brasilianische Musik. João Gilbertos Gitarrenstil wurde allerdings damals als ungewöhnlich eingestuft und gar nicht akzeptiert. Ich persönlich habe Bossa Nova 1958 entdeckt, als man hier den Begriff noch gar nicht verwendete. Da kam das Album „Brazilliance“ von Laurindo Almeida mit Bud Shank heraus, das diese Stimmung hatte, aber richtig zum Tragen kam das erst später durch Jobim, Gilberto und Mendes. Charlie Byrd hatte diese Entwicklung der brasilianischen Musik allerdings viel früher bemerkt und engagierte Stan Getz für seine Aufnahmen bei seinem Album „Jazz Samba“. Dennoch galt Stan Getz als der Entdecker der Bossa Nova-Musiker.1962 veröffentlichte ich eine 45er-Platte mit vier Titeln, auf der ich Bossa Nova-Stücke spielte, nach meinem heutigen Geschmack ziemlich unpassend interpretiert. 1965 hatte ich aber dann Gelegenheit mit meinem damaligen Quartett auf einer Südamerika-Tournee diese Musik zu erspüren.

Hans-Jürgen Lenhart: Was halten Sie davon, dass die Bossa Nova von amerikanischen Musikern auch verwässert wurde?

Klaus Doldinger: Das sind Allgemeinplätze. Die ersten Aufnahmen João Gilbertos hatten eine gewisse Unschuld, was später verfeinert wurde. Es entstehen natürlich immer wieder andere Arten von Interpretationen. Das ist selbst in der klassischen Musik so. Stan Getz hat einen andersartigen Aspekt in diese Musik gebracht. Auch heute erfinden auf ihre Art brasilianische Musiker die Bossa Nova neu wie zum Beispiel Ivan Lins. Wenn etwas gut ist, dann hat es zeitlosen Wert, da muss man nicht über Modeströmungen und Publikumsgunst reden.

Claus Schreiner

Claus Schreiner ist Produzent, Radiomoderator und Autor mehrerer Standardwerke zur lateinamerikanischen Musik.

Hans-Jürgen Lenhart: Wie wurde denn die Bossa Nova in ihrer Entstehungszeit in Deutschland wahrgenommen?

Claus Schreiner: In ihrer Entstehungszeit (1958-1963) gar nicht! Brasilien war damals so weit weg wie Galapagos. Bossa Nova kam über Amerika nach Deutschland. Ich erinnere mich genau an die ersten Bossa Nova-LPs mit Bud Shank, Herbie Mann, Barney Kessel und dann Getz/Gilberto. Das war so um 1965. Alle, die das damals begeisterte, kamen eigentlich aus der Jazz-Ecke und es waren auch die Jazz-Journalisten, die die Musik sendeten oder darüber schrieben, wohl gemerkt: die U.S.-Versionen. Allen voran war Joachim-Ernst Behrendt, dem wir ja auch die ideologische Verbrämung verdanken, die Bossa Nova sei eine brasilianische Variante des Cool Jazz. Die Amis hätten ja nie zugelassen einzugestehen, dass ein unterentwickeltes Land etwas hervorbringt, was Charts-Positionen erklimmt. Tom Jobim sagte mir mal: die Amis nennen einfach alles Jazz, damit es von ihnen kommt.
Wichtig ist aber auch zu wissen, dass damals deutsche Künstler zu den internationalen Songfestivals in Rio und São Paulo eingeladen waren: Caterina Valente, Peter Horton, Helmut Zacharias u.a. Und sie lernten zumindest auf den Festivals die Bossa Nova-Leute kennen. Ich weiß von Catarina Valente, dass sie dort u. a. Luiz Bonfa getroffen hatte und sie arbeitete später mit Bonfa und anderen Bossa Nova-Leuten in den USA in TV-Shows zusammen. Horton hat als Gitarrist immer wieder Bossa Nova gespielt. Manche Musiker, die die Schlagerleute begleiteten, wurden ebenfalls infiziert.

Hans-Jürgen Lenhart: Wie verhalten sich Bossa Nova-Musik und Bossa Nova-Tanz zueinander?

Claus Schreiner: Ein Tanz war die Bossa Nova nie, jedenfalls in Brasilien nicht. Das ist wie mit Lambada und anderen Modetänzen eine Erfindung der Tanzschulen. Marly Tavares, die mit dem Festival „Folklore, Escola de Samba e Bossa Nova do Brasil“ 1966 in Europa war, tanzte Macumba und Samba, aber nicht einen passo Bossa Nova.

Hans-Jürgen Lenhart: Wann waren zum ersten Mal brasilianische Bossa Nova-Musiker in Deutschland und wie kamen sie an?

Claus Schreiner: Das war 1966 mit diesem Festival. Mit dabei waren die bekannteste Bossa Nova-Sängerin Brasiliens, Sylvia Telles, die kurz nach der Tournee tödlich verunglückte, ferner Dom Salvador mit seinem Trio und der Flötist und Saxofonist J. T. Meirelles, die verstorbene Rosinha de Valenca (für den Samba Canção) und Edu Lobo (für die neue Generation), Jorge Arena, Ruben Bassini und Marly Tavares. Ich war damals als Student für Lippmann + Rau in Marburg und örtlicher Veranstalter dieses Konzertes. Ein für mich jedenfalls prägendes Erlebnis. Die Tournee war kein großer Erfolg und bewirkte nur in einigen Jazz-Hirnen ein Interesse für die wahre Bossa Nova. Dafür war die amerikanische Bossa Nova einfach zu perfekt und geschmacklich angepasst gemacht. Für diesen Markt hatte man auch Astrud Gilberto aufgebaut, die in Brasilien keiner kannte. Erst 1967 beim Berliner Jazzfestival mit Baden Powell änderte sich dann einiges und dann wieder 1970 mit seiner ersten Tournee.

 

* Verwendete Bilder der Creative Commons-Lizenzen:

  • João Gilberto: Tuca Vieira
  • Astrud Gilberto: Ron Kroon/ Anefo
  • Klaus Doldinger: Stephan Wirwalski


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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