Das deutsche Lateinamerika-Magazin

 
 
Alben

Latin Music News #42 – Neue lateinamerikanische Musik

Hotel Bossa Nova – „Cruzamento“

Endlich gibt es eine neue Ausgabe der Latin Music News! Was Hans-Jürgen Lenhart zu den Neuerscheinungen lateinamerikanischer Musik-Alben zu sagen hat, findet ihr in seiner neuesten Kolumne:

Die passende Radioshow von DJ Hans findet ihr auf Mixcloud oder direkt hier:

Hotel Bossa Nova – „Cruzamento“

Hotel Bossa Nova – „Cruzamento“Enja, Soulfood
Deutschland / Brazil Jazz

Um Brazil Jazz zu spielen, muss man kein Brasilianer sein. Die Band Hotel Bossa Nova ist in Wiesbaden ansässig und hat sich mit dem entsprechenden Konzept immerhin schon 15 Jahre und acht Alben lang gehalten. Das Genre sieht man ja auch gern auf Deutschlands Bühnen. Doch Weiterentwicklung ist bekanntlich immer gut. Inzwischen klingen auch andere Musikstile an, vom Fado bis zum Flamenco oder den Gitarrenimprovisationen eines Ralph Towner. So kommt keiner auf die Idee, die Band würde wegen des Namens nur die Jobim-Klassiker spielen. Der Begriff „brasilianisch orientierten Jazz“ wiederum ist vieldeutig. Steht im Repertoire das Melodische oder gar poppige im Vordergrund, wird der Jazzcharakter dabei nur ansatzweise wahrgenommen. Manche brasilianischen Jazzer sind aber durchaus avantgardistisch oder folkloristisch orientiert. Von all dem schwingt etwas mit im Konzept der Band. Sängerin Liza da Costa wirkt mitreißend, die Band zeigt hohes Können sowie eine gute Balance zwischen Anspruch und Temperament. Einzig die Melodien sind oft nicht dafür gebaut, sie nach einem Konzert weiter zu summen. Fast wirken sie wie eine zufällige Satzmelodie, die zu einer Komposition ausgebaut wurde. Das mindert den Wiedererkennungswert der Songs. Lediglich „O Desejo“ fällt da aus dem Rahmen, vielleicht, durch das intensive Unisono-Spiel zwischen da Cruz und dem Gitarristen. Das erinnert an Flora Purim, dazu ein schöner flüssiger Rhythmus. In dieser Hinsicht ist also noch etwas Luft nach oben.

Juliana Da Silva – „Vai Samba Meu“

Juliana Da Silva – „Vai Samba Meu“o-tone music, Edel kultur
Brasilien, Deutschland / Brazil Jazz

Auch eine in Deutschland tätige Brazil Jazzerin ist die Sängerin Juliana Da Silva. „Geh los, mein Samba!“, so könnte man etwa den Titel von „Vai Samba Meu“, dem Album der brasilianischen übersetzen. Hier geht es aber auch mal ungarisch los. Mit Tony Lakatos, Tenorsaxophon, dem Gypsy-Jazzgeiger Roby Lakatos und dem jazzgeübten Cymbalon-Spieler Mihály Farkas hat sie gleich drei Musiker ungarischer Abstammung als Gäste. Insbesondere bei der Ballade „Luiza“ wirkt die bloße Begleitung durch das ungarische Hackbrett sehr besinnlich. Mit ihrem Gesang kann Da Silva sowohl die Dynamik ihrer Begleiter vorantreiben wie auch als ruhender Pol wirken oder synchron mitsingen. Und sie gibt ihrer Band viel Spielraum, zumal sie vorzügliche Musiker aufzuweisen hat. Einerseits ist da Posaunist Bart van Lier zu nennen, der an das feurige Posaunenspiel des jüngst verstorbenen brasilianischen Stars dieses Instruments, Raul De Souza, erinnert. Aber auch die Rhythmusgruppe zeigt sich einfallsreich und ist vor Spielfreude kaum zu bremsen.

Michael Publig – „¡Caliente!“

Michael Publig – „¡Caliente!“Publig music, Galileo
Österreich / Cuban Flamenco Chamber Jazz

Der Österreicher Michael Publig ist schon was: international anerkannte Koryphäe als Pianist, Komponist, Arrangeur, Dozent und Musikpädagoge. Seine Spezialität ist es zudem, moderne E-Musik mit Jazz und lateinamerikanischer Musik zu verbinden. Für sein Album „¡Caliente!“ hat er den Begriff „Cuban Flamenco Chamber Jazz“ formuliert, was im Grunde schon alles sagt. In der Besetzung Klavier bzw. Synthesizer, Flamenco- bzw. E-Gitarre, Bass, Schlagzeug wirbelt er durch die Stile und zwischen Kuba, Spanien und auch ein bisschen österreichischer Klassik-Heimat hin und her. Gleich zwei ambitionierte Suiten, die dieses Konzept verdeutlichen, sind auf dem Album zu hören. Doch es gibt zwei Stücke darauf, davon eines von dem von Publig hoch verehrten Chick Corea, die jazzrockorientiert sind und einem das Gefühl geben, ihre wesentlich dynamischere Spielweise und stärkere Ausdruckskraft ist gegenüber den höchst anspruchsvollen komplexen Kompositionen mit stilistischen Verwebungen klar im Vorteil. In den Suiten wird trotz hohem handwerklichen Können zu sehr an der Komposition geklebt. Es fehlt das Unerwartete, der Schuss unkalkulierter Spontaneität, der Wow!-Moment. Andererseits kommt nun mal Publig aus einer akademischen Ecke und hört man mit eher von der Kompositionslehre geprägten Ohren seine kubanisch-spanische Melange, kann sie für manchen auch eine Offenbarung sein.

Thiago França presents A Espetacular Charanga do França – „The Importance of Being Espetacular“

Thiago França presents A Espetacular Charanga do França – „The Importance of Being Espetacular“Mais Um Discos
Brasilien / Samba-Brassband

Tröööt! Oberflächlich betrachtet klingt „A Espetacular Charanga do França“ wie eine etwas modernere Blaskapelle mit Tendenz zu New Orleans Marching Bands, aber auch zu Brasiliens Sambabands. Die aus São Paulo stammende Bläsertruppe ist allerdings ein Karnevalskollektiv und verbindet ihren Sound mit Cumbia, Baile Funk, Jazz und Balkan Pop bis hin zu Michael Jacksons „Don’t Stop ‘Til You Get Enough“. Als Gäste sind auf dem Album auch bei uns bekannte Sänger wie Lucas Santtana oder Tulipa Ruiz zu hören. Gegründet wurde die Gruppe vom Saxophonisten Thiago França, der für die Afro-Punk-Band Metá Metá bekannt ist. Im Karneval hat A Espetacular Charanga do França über 60 Bläser und 30 Schlagzeuger und sich selbst zur antifaschistischen Zone erklärt, um gegen das derzeitige politische Klima in Brasilien ein Signal zu setzen.

Das machen Brasiliens Karnevalisten in letzter Zeit öfter. 2019 hatte bereits der letztmögliche Karneval in Rios Sambodrom weltweit Aufsehen erregt. Einige Sambaschulen zielten darin mit politischen Botschaften gegen Präsident Bolsonaro. So grüßte ein schwarzer Papst fröhlich im Papamobil und ein dunkelhäutiger Jesus war sogar in einem Frauenkörper zu sehen.

Agustín Pereyra Lucena Quartet – „La Rana“

Agustín Pereyra Lucena Quartet – „La Rana“Far Out Recordings
Argentinien, Norwegen, Brasilien / Latin Guitar Jazz

Der Name ist neu, die Musik brasilianisch und „La Rana“ ein großer Hit. Stimmt aber alles nicht. „La Rana“ wurde nicht von Agustín Pereyra Lucena komponiert, sondern ist als „A Rã“ ein großer Hit des Brasilianers João Donato bekannt geworden. Lucena wiederum ist Argentinier und die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1980 und sind im kalten Norwegen produziert worden. Trotzdem hat man hier das Gefühl, ein Kleinod zu hören, das bisher in der Liste zeitloser brasilianischer Alben gefehlt hat. Lucena spielt Kompositionen von Ivan Lins, Antonio Carlos Jobim und Agustíns Freund und Musikheld Baden Powell. Er ist Powell sogar ebenbürtig und letztlich vielfältiger in den Arrangements und Kompositionen. Die fünfzehnminütige Suite „Pra Que Chorar“ mag da als Beleg dienen. Insbesondere „Pra Que Chorar“ bietet all die Qualitäten, die man von wegweisenden brasilianischen Alben her kennt. Es beginnt mit durch die Perkussion erzeugten Dschungelgeräuschen, die in eine beseelte, gesummte Melodie übergehen. Dem folgt ein melancholisches Spiel der Querflöte zu grummelndem Bass und zarten Gitarrenakkorden. Im nächsten Teil singt Lucena eine wunderschöne, textlose Melodie, die ein wenig an Milton Nascimento erinnert. Der federnde Rhythmus wird von flirrenden Klängen umgeben. Klavier und Flöte synchronisieren sich zu einem weiteren lebhaften Part, der sich in einem Jazzrhythmus auflöst. Der Schluss verliert sich in einer impressionistischen Stimmung. „Alle Achtung!“, möchte man da ausrufen. Da haben wir doch glatt über 40 Jahre etwas übersehen. Auch sonst überrascht Lucena mit mittelalterlicher Musik, einem perfekten Samba von Baden Powell und durchaus poppigen Gesangsstücken wie besagtem „La Rana“.

Zu Agustín Pereyra Lucena weiß man, dass er als Argentinier alles daransetzte, die Größen der brasilianischen Musik kennenzulernen, was ihm letztlich über eine zufällige Begegnung mit der Mutter des großen Gitarristen Baden Powell auch gelang. Über ihn fand er mit Stars wie Vinicius de Moraes und Chico Buarque zusammen und gehörte zum inneren Kreis dieser Generation. Über Spanien landete er dann in Norwegen und fand auch dort große Anerkennung. Insgesamt ein Album, das man als eine der gelungensten Wiederveröffentlichungen der letzten Jahre bezeichnen kann.

Orquesta Akokán – „16 Rayos“

Orquesta Akokán – „16 Rayos“Daptone Records
Kuba, USA / Mambo

Huh! Ha! Trompetenstöße wie Feuerwehrsirenen, immer mit gehörigen Dissonanzen versetzt, dazu Perkussionsfeuerwerke voller traditioneller Rhythmen Kubas. Ungewöhnliche Arrangements und schmachtende Sänger. Rau und schrill klingt das Orquesta Akokán, welches auf Perez Prados nahezu avantgardistischer Vision des Mambos ab den 1950ern aufbaut. Die Band ist eine Vereinigung von in den USA und Kuba lebenden Musikern und hat in ihrer erst dreijährigen Karriere schon einen weltweit guten Ruf erspielt. Ihre Mitglieder sind Musiker aus der zweiten Reihe, die mit diesem Projekt nun an die Weltspitze streben. Da ist z. B. Leadsänger und Komponist José “Pepito” Gómez, der schon Engagements bei Compay Segundo hatte, oder Roberto “Tato” Vizcaino Jr. und sein Vater Roberto Vizcaino Guillot, Mitglied des bahnbrechenden Quartetts von Chucho Valdes aus den 90er Jahren.

Arturo O’Farrill, The Afro Latin Jazz Ensemble – „…dreaming in lions…“

Arturo O’Farrill, The Afro Latin Jazz Ensemble – „…dreaming in lions…“Blue Note Records, Universal Music
USA, Kuba / Latin Jazz

Wesentlich komplexer, aber durchaus Ohr, Herz, Verstand und Beine gleichzeitig beschäftigend ist „…dreaming in lions…“, ein Werk von Pianist Arturo O’Farrill, der hier versucht, Latin Jazz auf die Bigband-Ebene zu bringen. Der siebenfach GRAMMY-preisgekrönte Komponist und Bandleader führt sein zehnköpfiges Afro Latin Jazz Ensemble durch zwei mehrsätzige Suiten: „Despedida“, eine Meditation über Abschiede, sowie „…dreaming in lions…“, inspiriert von Ernest Hemingways berühmtem Roman „Der alte Mann und das Meer“. Geschickt baut er seine Stücke auf. So beginnt „How I Love“ mit einem sich langsam entwickelnden Riff von Posaune, Shaker, Querflöte und Bass, bis der Rhythmus steht. Der Bläsersatz formt dann die Grundlage, bis sich Querflöte und danach Saxophon zu sanften Soli herausschälen. Eine quirlige Nummer über pulsierenden Rhythmen, dessen Jazzarrangement sich deutlich vom traditionellen kubanischen Latin Jazz unterscheidet. Trotz des scheinbar gehobenen Anspruchs ist dies auch Tanzmusik, zumindest trat O’Farrill damit auch in Verbindung mit einem Tanzensemble auf. Zu seiner Kompositionstechnik meint er: „Ich verwende keine Akkordsymbole mehr, sondern Cluster, und das ist die Richtung, die ich den Solisten gebe, die die Intervallbeziehungen finden müssen, die funktionieren. Für mich sind Intervalle die DNA der Musik.“ Dann mal Adios bis zum Ende des nächsten Intervalls der Latin Music News.

Article written by:

Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.