• Latin Music News #35
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Latin Music News #35

Es war zu erwarten. Seit den letzten Latin Music News hat sich die Corona-Pandemie in Lateinamerika nicht aufgelöst – außer in den Köpfen der brasilianischen Regierung, die da meint, man müsse nur die Presse daran hindern, die Zahlen der Corona-Infizierten und –Toten zu veröffentlichen. Dann gibt es das Virus vielleicht ganz schnell nicht mehr. Langsam ist es die Frage, ob Brasiliens Präsident Bolsonaro in die Geschichte seines Landes als dümmster Sprücheklopfer eingeht (Neuester Spruch: “Ich sag’s mal höflich: Wer rechts ist, der nimmt Chloroquin, wer links ist, soll Limo trinken.”) oder als fanatisch verblendeter Verantwortungsloser, der zehntausende von Toten auf dem Gewissen hat, die Ausrottung der indigenen Völker Brasiliens, der Korruption durch seine Familie und Vetternwirtschaft als Staatsakt versteht, den Regenwald gewissenlos opfert, kriminellen Landraub legalisieren will und – Schönheitssalons für „systemrelevant“ erklärt, weswegen sie in Coronazeiten öffnen dürfen.

Inzwischen hat sich das Virus aber zu einer kontinentalen Katastrophe in ganz Lateinamerika entwickelt und die Musik ist natürlich davon auch betroffen. Da wundert es nicht, dass uns erste Meldungen von an Corona gestorbenen, bekannten Künstlern erreichen. So starb der legendäre brasilianische Songtexter und Komponist Aldir Blanc im Alter von 73 Jahren in Rio de Janeiro an den Folgen von Corona. Er war vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Joao Bosco bekannt. Unvergessen ist auch sein Song „O Bêbado ea Equilibrista“ für Ellis Regina. Das Lied war voller Metaphern über Menschen, die während der brasilianischen Militärdiktatur verschwunden waren oder ins Exil geschickt wurden und so geriet es zu einer Art Amnestie-Hymne. Blanc sprach hier von all den Menschen, die damals “in einer Rakete abgereist sind”, also das Land verließen.

Natürlich betrifft Corona auch den Nachschub an bei uns promoteten Musikalben aus Lateinamerika, der derzeit arg abgeebbt ist. Deshalb kommen die Latin Music News diesmal auch einen Monat später.

Manfredo Fest – „Brazilian Dorian Dream“

Manfredo Fest – „Brazilian Dorian Dream“Far Out Recordings
Brasilien / Brazilian Jazz

In diesen veröffentlichungsarmen Zeiten sind Reissues unbekannter Kleinode ein kleiner Ersatz, zumindest was diesmal vom englischen Far Out-Label ausgegraben wurde. Der brasilianische Keyboarder Manfredo Fest, von Geburt an übrigens blind, gehörte zu den Fusion-orientierten Musikern der Siebziger Jahre, die es in die USA zog, weshalb seine Musik dem Sound von Deodato oder Sergio Mendes nicht ganz unähnlich ist. Die besondere Note erhält sein Sound allerdings durch die durchgängig zu Fests Improvisationen synchron mit textlosem Gesang mitsingende Roberta Davis. Abgesehen vom brasilianischen Touch erinnert das sehr an die norwegische Band Ruphus, die etwa im gleichen Zeitraum erfolgreich war, was zeigt, dass dieser Sound Mitte der Siebziger recht populär war. „Brazilian Dorian Dream“ wurde 1976 produziert und baut auf das in dieser Musikrichtung sehr beliebte Prinzip der modal-diatonischen Skalen des dorischen Modus auf. Die Tonart d-Dorisch enthält die Stammtöne der westlichen Musik, denen auf Tasteninstrumenten die weißen Tasten entsprechen. Abgesehen von wenigen zeittypischen Synthesizerpiepsern sind die Fender Rhodes-Improvisationen so überzeugend, dass man das Album nicht auslassen sollte. Manfredo Fest braucht sich hinter bekannteren Kollegen nicht zu verstecken und wirkt noch heute zeitgemäß und sehr atmosphärisch. Er starb 1999 in Florida und sein Album ist ein Zeugnis für das hohe Niveau brasilianischer Jazzmusiker der Siebziger Jahre.

Ian Lassare – „Átimo“

Ian Lassare – „Átimo“Ajabu!, Broken Silence
Brasilien / MBP

Dennoch gibt es Aktuelles aus Brasilien, insbesondere aus der neuen, sanften Liedermacherszene. Ian Lassare erinnert gesanglich etwas an Celso Fonseca. In den ersten Titeln des Albums wird der Rhythmus viel mit gedämpfter Gitarre und einfacher Perkussion sowie Bass erzeugt. Dies setzt den Fokus auf Gesang und Melodie. Es ist ein unaufgeregtes Album, dass aber doch durch die Spieltechnik so etwas wie eine dezente Vibration aufweist. Zum Schluss wechselt Lassare allerdings auf einfache ruhige Gitarrenstücke oder die Begleitung durch Klarinette und Querflöte, was sogar mehr überzeugt.

Loli Molina – „Lo Azul Sobre Mi“

Loli Molina – „Lo Azul Sobre Mi“Flowfish records, Broken Silence
Mexiko / Singer, Songwriter

Feinsinnige Klänge auch aus Mexiko. Loli Molina, gebürtige Argentinierin, heute in Mexiko City lebend, betört mit besinnlich Songs, die auch mal Klangpausen zulassen und durchweg recht minimalistisch instrumentiert sind: Spanische Gitarre, ein Streichquartett, E-Gitarre und Gesang. Songs wie hingehaucht und in etwa das Gegenteil von Mariachi. Musik, die einen die Stille wiederfinden lassen kann. Wer Las Hermanans Caronni mag, sollte hier auch mal reinhören.

Lido Pimienta – „Miss Colombia“

Lido Pimienta – „Miss Colombia“Anti-, Indigo
Kolumbien, Kanada/ Folk-Pop-Electro-Crossover

Lido Pimienta ist ein Musterbeispiel für eine Musikerin, für die es keine Schubladen gibt. Die Kolumbianerin wanderte mit ihrer Familie nach Kanada ein. Sie bezeichnet sich als „queere Feministin“ und musikalisch vermischt sie Musik der Afro-Kolumbianer und der kolumbianischen Ureinwohner Wayuu mit Electronica, Pop und Cumbia. Einerseits klingt diese Mischung eher sphärig und im Midtempo-Bereich angelegt, manchmal erinnert das gar an moderne indische Popmusik und kommt fast etwas steril rüber. Ihre Vorliebe für Trip Hop scheint hier durch. Andererseits gibt es auch Titel mit ihrer früheren Folkloregruppe Sexteto Tabala mit einer sehr einfachen, perkussionsbetonten Musik. Bei Konzerten fordert sie manchmal auf, farbige Frauen nach vorne durchzulassen und der Titel ” Miss Colombia” bezieht sich auf die versehentliche Überreichung der Krone zur Wahl der Miss Universe im Jahre 2015 an die damalige Miss Colombia, die aber gar nicht gewonnen hatte. Pimienta inszeniert sich nun auf dem Cover als eigene Miss Colombia und bonbonfarbene Tüll-Queen.

Tango Sí! – „¡Preparense!“

Tango Sí! – „¡Preparense!“Chaos, in-akustik
Deutschland / Tango

Das deutsche Quintett (mit verschiedenen Bassisten) präsentiert die Spielweisen des Tangos von der traditionellen her bis zum Tango Nuevo und auch mit eigenen Arrangements. Dissonante Ansätze, der Kontrabass als Melodieinstrument sowie die Aufnahme unbekannterer Stücke von Astor Piazzolla ergeben ein abwechslungsreiches Repertoire. Auffallend ist insbesondere das kraftvolle Spiel von Pianistin Sarah Ulmiger. Den Höhepunkt bildet am Schluss Piazzollas „Concierto Para Quinteto“. Faszinierend wie hier zu Beginn Violine und Bandoneon miteinander kommunizieren. Später schleicht sich ein Walzerrhythmus ein und die Stimmung wechselt alle paar Minuten. Hier ist alles drin von der Tango-Gefühlswelt.

Minyo Crusaders + Frente Cumbiero – „Minyo Cumbiero (From Tokyo To Bogota)“

Minyo Crusaders + Frente Cumbiero – „Minyo Cumbiero (From Tokyo To Bogota)“Mais Um Discos
Japan, Kolumbien / Cumbia, Japan-Folk

Ja, richtig gelesen, jetzt gibt es sogar eine Kooperation zwischen einer innovativen kolumbianischen Cumbia-Band, Frente Cumbiero, und einer innovativen japanischen Folkband, den Minyo Crusaders und das klappt ganz gut. Manchmal etwas schräg, aber gute Stimmung, manchmal Cumbia mit viel Bläsern, aber japanischem Gesang. Die Minyo Crusaders sind dafür bekannt, ihre „Minyo“ genannten Volkslieder durch Latin-Versionen und Verschnitten mit Afro-Funk, Thai-Pop, Ethio-Jazz und Reggae vorm Vergessen zu bewahren. Cumbia-Erneuerer Mario Galeano Toro von Frente Cumbiero produzierte dieses ziemlich einmalige Meeting für eine 4-Track-EP und mischte ein paar Dub-Effekte dazu. Ein Synergie-Effekt für beide Musiktraditionen, der zudem gut in die Beine geht.


Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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