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Latin Music News #49

Groundation – „One Rock“

Es gibt wieder Neuigkeiten aus der lateinamerikanischen Musikszene. Hier sind die Latin Music News #49:

Die passende Radioshow von DJ Hans findet ihr auf Mixcloud oder direkt hier:

Groundation – „One Rock“

Groundation – „One Rock“Easy Star Records, Baco Records
USA / Roots Reggae, Jazz

Lange hat es gedauert, bis man mal wieder etwas von Groundation gehört hat. Die Band hat seit längerem für eine Weiterentwicklung im Reggae gesorgt. Sie verbindet Reggae mit anderen Stilen wie Jazz und Rock und öffnet die Strukturen der Songs: Breaks, sich abwechselnde Vocals, unterschiedliche Tempi, gewagte bis schräge Jazzimprovisationen bis hin zu psychedelischen Momenten sind typisch für sie. Dies alles geschieht auf der Basis des Roots Reggae im Sound der Wailers. Jedenfalls spielt diese kalifornische Ausnahmeband nicht das, was alle machen, denn im Reggae gibt es schon recht viele ausgetretene Pfade.

In jedem Stück wird experimentiert und komplex arrangiert. Da hört man in „Human Race“ sogar Cellisten oder in „Greed“ gesellt sich ein Walzertakt zur Reggae-Basis. „Market Prize“ hat einen fast klassisch wirkenden Einstieg mit Solo-Piano, dann startet ein hüpfender Rhythmus, der an Jazz Jamaica erinnert. „One Rock“ hat natürlich ein rockiges Gitarrensolo. Hier gibt es jedenfalls nicht den Effekt: alles schon einmal gehört. Und Groundation hat mit Sänger und Reggae-Guru Harrison Stafford einen charismatischen Boss. Mit Israel Vibration, The Abyssinians und The Congos sind zudem einige Pioniere des Reggaes dabei. Einzig fehlen etwas ohrwurmartige Songs wie die Band das mit „Defender Of The Beauty“ auf dem Album „A Miracle“ hinbekommen hatte. Trotzdem ist „One Rock“ ein Muss, gerade nicht nur für Reggaefans.

Flor De Toloache – „Florecita Rock-ERA“

Flor De Toloache – „Florecita Rock-ERA“Eigenproduktion
USA / Mariachi-Crossover, Frauenband

Als Musikerinnen in die Männerdomäne der mexikanischen Musik einzudringen, gelingt wohl am besten, wenn man gleich alles anders macht. Die vierköpfige New Yorker Frauenband Flor De Toloache verbindet Mariachi mit Latin Pop, R’n’B, Cumbia, Reggae, Bachata, Rock, Country oder Swingjazz. Dafür gab es schon einen Grammy und ihr Erfolg macht sie zum Vorbild vieler weiblicher Chicanos. Als Instrumentalistinnen brillieren sie mit für Frauen ungewöhnlichen Instrumenten wie der von Elena Lacayo gespielten riesigen Bassgitarre Guitarron oder der in der Art von Dizzy Gillespie hochgebogenen Trompete, die Anna Garcia bläst. Ergänzt wird die Gruppe von den Gründungsmitgliedern und Sängerinnen Shae Fiol (fünfsaitige Vihuela-Gitarre) und Mireya Ramos (Violine). Beide zeigen die persönlich unterschiedlichen Wurzeln der Band, die gar nicht in Mexiko liegen. Der Vater der dunkelhäutigen New Yorkerin Ramos war Mariachi-Sänger, lehrte sie früh das Geigenspiel, die blonde Fiol kommt aus Portland und kannte Mariachi nur von Linda Ronstadts Mariachi-Alben, hat aber kubanische Wurzeln. Es wird Spanisch wie Englisch gesungen und die Überdosis Inbrunst des Mariachi entzerrt man durch zeitgemäße Stilmixturen und zuweilen sanfte Töne. Die Gruppe übernimmt Arrangements und Gesangsstile aus dem Popbereich oder arrangiert Latin-Hits auf Mariachi um, was nicht heißt, dass bei Flor de Toloache keine echten Mariachi zu hören wären.

Das neue Album „Florecita Rock-ERA“ geht stilistisch einen weiteren Schritt. Da ist ein Schlagzeug zu hören oder eine Cumbia, die aber von einer Perkussion im brasilianischen Sambareggae-Stil begleitet wird. Gespielt werden viele, bei uns weniger bekannte Hits der lateinamerikanischen Rockmusik. Doch es gibt auch sanfte Balladen, wie „Penélope“ vom puerto-ricanischen Latin-Rocker Draco Rosa. Dem eher nuscheligen Original geben Flor de Toloache einen völlig anderen Charakter, indem sie ihm die Beseeltheit des Mariachi injizieren, dabei aber stilistisch eine Ballade konstruieren. Im Übrigen arrangieren sie oft Erfolgsnummern aus dem Latin-Music-Bereich gänzlich um. Entstanden ist das Album in der Pandemie in virtueller Kooperation, weil die Musikerinnen auf verschiedenen Erdteilen ausharren und daher lange getrennt sein mussten. Auch damit hatten die Damen keine Probleme. Ihre Mixtur ist tatsächlich den Abarten anderer Weiterentwicklungen der mexikanischen Musik wie Tex Mex usw. um etliches voraus.

The Tambor Y Canto Company – „Le Segunda“

The Tambor Y Canto Company – „Le Segunda“Quart de Lune, UVM Distribution, Idol
Frankreich, Argentinien, Brasilien, Kuba, Kolumbien / Jazz-Latin Percussion

Und wieder einmal eine multinationale Band mit Basis in Frankreich. Diesmal kommen die Musiker aus Europa, der Karibik und Lateinamerika, mit Perkussionisten aus Argentinien, Brasilien, Kolumbien und Kuba. Und sie haben einen enormen Einfallsreichtum. So erweist sich ihr Stück „Pais Del Ayer/El Vuelo De La Gaviota“ als eine jazzig inspirierte Version des Simon & Garfunkel-Klassikers „Scarborough Fair“, eigentlich ein englisches Volkslied, mit traditionellen kubanischen Rhythmen. Dennoch bleibt es bei einer Ballade. Auch ein gerapptes brasilianisches Axé-Stück ist dabei. Die einzelnen Stücke vermitteln eine musikalische Reise durch die Länder der einzelnen Perkussionisten. Insbesondere das wie eine Klanglandschaft beginnende, dann aber rhythmisch werdende Stück „Candelaria Quebradeña“ wirkt wie eine Essenz des Konzepts der Gruppe. Die Kompositionen haben klare Melodien, keine übertriebenen Trommelorgien oder Gruppengesänge sowie sich perfekt verbindende Jazzimprovisation von Piano und Saxophon. Dezente Teile schaffen zwischendurch eine elegische Atmosphäre. Ein Verdienst des Pianisten und Arrangeurs Simon Bolzinger, der entsprechende Festivals in Marseille organisiert, worüber sich 2013 die Formation auch gefunden hat. Olivier Temines Saxophonspiel erinnert zudem an die die eingängige Melodik des argentinischen Tenorsaxophonisten Gato Barbieri, dessen „Tupac Amaru“ nicht von ungefähr ebenfalls interpretiert wird.

Juçara Marçal – „4-track digital EP“

Juçara Marçal – „4-track digital EP“Mais um Discos
Brasilien / MPB, Crossover

Erst vor kurzem hat die brasilianische Sängerin Juçara Marçal mit dem einerseits ungewohnten bis sperrigen, andererseits innovativen Album „Delta Estácio Blues“ für Aufsehen gesorgt. Jetzt legt sie mit einer 4-Track-EP nach. „Um Choro“ wird von einem stotternden, mechanischen Beat bestimmt, der von Handklatschen durchzogen ist, gepaart mit dem beschwörenden Gesang von Juçara. „Odumbiodé“ ist das interessanteste Stück, weil hier der Meister-Percussionist Paulo Santos, Mitbegründer der legendären brasilianischen Instrumentalgruppe Uakti, eine faszinierende Perkussionsgrundlage aus Glas-Marimba, Gitarre und Bogen, Röhrentrommeln oder Pfeifenflöten schafft. Uakti kann man zu den innovativsten Perkussionsgruppen weltweit zählen, die ihre Wurzeln zwischen indigener Musik und Dadaismus sieht. Die Melodie dazu wirkt wie ein vor sich hin geträllertes Kinderlied. Die anderen Tracks sind „Criei Um Pé de Ipê“, ein kurzes Stück mit einem bedrohlichen Rhythmus aus Percussion und Gitarren-Samples und „Não Reparem“, eine melancholische Melodie mit Kratzgeräuschen und einem holpernden Piano. Erneut kreiert Marçal eine Ästhetik, die sich Kommerz und ausgelassener Fröhlichkeit verweigert, vielmehr zu den dunklen Zeiten der Coronazeit passt und zugleich etwas Futuristisches hat, ohne Traditionen auszuklammern.

Quintetango – „Tangente“

Quintetango – „Tangente“Galileo
Argentinien / Tango Nuevo

Vor 30 Jahren starb die Ikone des Tango Nuevo Astor Piazzolla und letztes Jahr gab es zudem seinen 100. Geburtstag. Kein Wunder, dass die Piazzolla-Alben derzeit wieder sprießen. Quintetango ist ein Kammermusikquintett aus der portugiesischen Stadt Coimbra, das sich Astor Piazzolla widmet. Das Abfeiern Piazzollas hat schon etwas Ambivalentes, bedenkt man, er wurde einst für seine Neuerungen im Tango derart angefeindet, dass er und seine Familie sich in Buenos Aires nicht mehr auf die Straße wagen konnten. Dabei verleugnete Piazzolla den Tango nie, sondern verband ihn mit Formen der klassischen Musik, sei es Ballett, Libretto, Oratorium oder mehrsätzige Konzerte. Zudem schuf er Querverbindungen zum Jazz oder zur Neuen Musik. Bogenschläge auf der Violine, stechende Streicherakzente in hoher Lage, Glissandi des gesamten Ensembles waren die Folge. Dies merkt man auch bei diesem Album. Beim „Concierto Para Quinteto“ tanzen in die sinnlichen Improvisationen des diatonischen Akkordeons inbrünstige Improvisationen von Geige und Gitarre hinein. In „Primavera Portea“ dominieren ein lebhaftes Akkordeon und eine kratzige Violine. Für Liebhaber Piazzollas ein überdurchschnittliches Album.

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Hans-Jürgen Lenhart schreibt als regelmäßiger Gastautor für das deutsche Lateinamerika-Magazin Latin-Mag. Er ist Musikjournalist und seit über 20 Jahren Experte für Latin Music. In der Artikelserie Latin Music News berichtet er alle zwei Monate über Neuerscheinungen in der lateinamerikanischen Musikszene.

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